Die Uhr tickt: Ein Schlaganfall sollte schnell behandelt werden
- von Gerald Backhaus
Archiv der Ausgabe 2 | 23. Jahrgang | Sommer 2010
Um die 200 000 Schlaganfälle werden pro Jahr in Deutschland gezählt. In Berlin sind es rund 10 000, Tendenz steigend. Auch im Unfallkrankenhaus Berlin in Marzahn (ukb), wo 2009 über 900 Schlaganfall-Patienten behandelt wurden, nimmt die Zahl pro Jahr um 50 bis 80 Fälle zu.
Die typischen Schlaganfall-Patienten beschreibt Dr. Ingo Schmehl, Direktor der Klinik für Neurologie mit Stroke Unit und Frührehabilitation, als ältere Menschen zwischen 65 und 85 Jahren. Darunter sind viele mit Bluthochdruck, Übergewicht und zu wenig Bewegung. Hinzu kommen Risikofaktoren wie Diabetes, Rauchen und Herzrhythmusstörungen. Durch angeborene Gerinnungsstörungen und Gefäßeinrisse kann es auch bei jüngeren Frauen und Männern zu einem Schlaganfall kommen. Selbst Kinder und Jugendliche sind davor nicht gefeit, so der 42-jährige Mediziner – sein jüngster Schlaganfall-Patient war sechs Jahre alt.
Erkennen kann man einen Schlaganfall an Seh- und Sprachstörungen sowie Lähmungserscheinungen. Häufig hängt ein Mundwinkel herunter. Bemerkt man solche Merkmale bei sich oder einem Angehörigen, sollte man nicht erst den Koffer packen oder zum Hausarzt gehen, rät Dr. Ingo Schmehl. „Stattdessen gleich die 112 anrufen, um ins nächstgelegene Schlaganfallzentrum transportiert zu werden!“ Um mehr Menschen darüber aufzuklären, wurde die Aktion „Berlin gegen Schlaganfall“ gestartet. Spezialisten wie Schmehl geben dazu Interviews und stehen Betroffenen und ihren Angehörigen am Telefon zur Verfügung.
Jede Minute zählt
Wenig Zeit verlieren – der Slogan „Time is Brain“ beschreibt, dass es vor allem auf Schnelligkeit ankommt, um einen Schlaganfall zu diagnostizieren und zu behandeln. Drei bis viereinhalb Stunden Zeit hat man, um Blutgerinnsel durch ein Medikament, das in die Vene gegeben wird, aufzulösen, das Warten auf den Notarzt und Transportzeiten inklusive. Spezialisten können aber auch über ein Kathetersystem in die Arterie gehen und das Gerinnsel mechanisch oder über ein Saugsystem entfernen. Dazu sind maximal sechs Stunden Zeit. Logisch, dass sich in einer Klinik wie dem Unfallkrankenhaus alles um kurze Wege dreht: Vom Helikopter-Landeplatz auf dem Dach des Gebäudes per Fahrstuhl bis zur so genannten Stroke Unit sind es nur wenige Minuten. Stroke Unit nennen Fachleute eine Schlaganfall-Einheit, 14 davon gibt es in Berlin. Im ukb sind gleich dahinter eine Wach- sowie eine Rehabilitationsstation geschaltet, so dass Patienten bei Besserung ihres Zustandes einfach ein Zimmer weiterrücken können. Etwa 24 Stunden bleibt man mit leichtem Schlaganfall auf der Stroke Unit, kompliziertere Fälle bis zu 72 Stunden. „Eher an ein Hotel sollen die Patienten hier denken“, sagt Dr. Schmehl über seine heiligen Hallen, „den typischen Krankenhauseindruck haben wir versucht, durch warme Farbgebung zu verbessern.“
High-Tech-Diagnose
Die Neurologische Abteilung ist im ukb relativ groß: Dr. Schmehl hat aktuell 17 ärztliche Mitarbeiter und fünf Neuropsychologen. Seine Klinik zählt 70 Betten, zusätzlich werden andere Krankenhäuser wie die in Lichtenberg und Templin von hier aus mitbetreut. Stichwort Teleneurologie: Schlaganfall-Patienten in der Templiner Rettungsstelle werden vom ukb aus online versorgt. Diese Art „Ferndiagnose“ kann man sich so ähnlich vorstellen wie eine Live-Schaltung aus dem Nachrichtenstudio zum Reporter vor Ort: Dr. Schmehl oder einer seiner Kollegen kommuniziert über eine hochauflösende Webcam und ein Mikrofon mit dem Patienten, der in Templin liegt. Dieser hat vor sich einen großen Monitor, auf dem der Arzt im ukb erscheint und ihn anspricht. Über die High-Tech-Verbindung kann der Berliner Experte feststellen, welche Störungen sprachlicher oder motorischer Art im jeweiligen Fall vorliegen. Hier wird so hoch entwickelte Technik eingesetzt, die den ukb-Ärzten sogar ermöglicht, die Pigmente der Pupillen des Patienten in Templin zu betrachten. Gemeinsam mit den Arztkollegen dort wird nach der Diagnose die Therapie festgelegt, der Krankentransport über größere Entfernungen entfällt bei dieser Methode.
Die Neurologie des ukb hat einen Einzugsbereich von rund 750 000 Menschen in den Bezirken Mahrzahn-Hellersdorf und Köpenick sowie den ostbrandenburgischen Landkreisen mit den Autokennzeichen MOL, LOS und LDS. Gerade aus den mit ärztlichem Fachpersonal unterversorgten Regionen werden Patienten mit dem Notarztwagen gebracht oder per Hubschrauber hergeflogen.
Damit es gar nicht zu einem Schlaganfall kommt, empfiehlt Dr. Schmehl zur Vorbeugung regelmäßige Überprüfungen von Werten wie Blutdruck und Cholesterin. Ab dem 40. Lebensjahr ist ein jährlicher Gesundheitscheck ratsam.
www.ukb.de
www.berlin-schlaganfall.de
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