Berlins beste Küchen
Archiv der Ausgabe 1 | 22. Jahrgang | Frühjahr 2009
Einen Lieblingsitaliener hat vermutlich jeder. Die meisten schwören auf ein Ristorante im heimatlichen Kiez, etwa in Frohnau, Zehlendorf, Grunewald oder Friedrichshagen. Nach zahlreichen Besuchen steht man dort mit dem Padrone auf freundschaftlichem Fuß, bekommt immer seinen bevorzugten Tisch und kann die Rechnung auch schon mal per Überweisung begleichen, sollte man die Geldbörse vergessen haben. Als „Grappa von die Haus“ wird dem treuen Stammgast keine Massenproduktion mehr eingeschenkt. Stattdessen stellt der Wirt eine Flasche edlen, sortenreinen Tresterbrandes vertrauensvoll auf den Tisch und setzt sich vielleicht gar auf ein Glas und einen Plausch dazu. TOP-Gastro-Autorin: Cecilia Reible
In der großen weiten Welt von Berlin-Mitte sieht das anders aus. Hier haben es die italienischen Restaurants mit zumeist täglich wechselndem, oft touristischem Publikum zu tun. Manche Ristoranti haben sich auf diese Laufkundschaft eingestellt. Aber nicht alle. Wir verraten Ihnen die verlässlichen Adressen.
Der Hochdekorierte
Im einzigen italienischen Restaurant in Berlin, das sich derzeit mit einem Michelin-Stern schmücken kann, kocht ein Westfale. Dass Björn Panek gleich bei seiner ersten Stelle als Küchenchef im „Gabriele“ in der Behrenstr. 72 im Adlon-Palais (Tel. 20 62 86 10) die begehrte Auszeichnung erringen konnte, hat ihn wohl selbst ein wenig überrascht. Doch eigentlich ist es nur folgerichtig, hat der gebürtige Oberhausener doch zuvor in den besten Häusern Deutschlands gearbeitet (Victorian in Düsseldorf, Tantris in München, Quadriga und Restaurant 44 in Berlin). Mit seinem Handwerk bringt Panek Gourmets zum Jubeln: Die Küche grüßt mit Minestrone und einer Tomate mit Mozzarella und Basilikum, alles im Miniformat, aber mit Maxi-Aroma. Angenehm scharf sind „Tre piani“, eine Variation vom Rind mit Carpaccio, Pâté und Tatar, aufeinandergeschichtet und dekorativ mit gerösteten Brotscheiben bedeckt. Butterweich ist der „Hirsch im eigenen Sud mit cime di rape, Cranberrys und Olivencreme“. Das „Süppchen von Zitrusfrüchten mit kandierten Oliven und Olivenöl“ sorgte für aufregende Kontraste am Gaumen. Die Preise für Vorspeisen liegen um 20, die für Hauptgerichte um 40 Euro. Maître Daniele Bertelli und sein Team umsorgen die Gäste perfekt, die Weinauswahl lässt keine Wünsche offen. Für das Design des durchgestylten Gastraums mit cognacfarbenen Lederpolstern, Murano-Lüstern und Holzlamellen zeichnet Anna Maria Jagdfeld verantwortlich. www.gabriele-restaurant.de
Der Innovative
Giorgio und Roland haben viele Jahre einen typischen Lieblingsitaliener in Zehlendorf bespielt, bevor sie 2005 mit dem „Cavallino rosso“ (Tel. 27 90 83 14) den Neuanfang in der Hannoverschen Straße 2 wagten. Das Ristorante unweit der Oranienburger Straße lebt durch seine charmanten Gastgeber und den innovativen Küchenstil. Pizza oder banale Pastagerichte sucht man hier vergeblich. Chefkoch Roland lässt lieber seiner Kreativität freien Lauf. Inspirationen holt sich der Südtiroler nicht nur aus der alpenländischen, sondern auch aus der asiatischen Küche. Ob „Delikates Carpaccio von der ‚Kalbslanguste‘ mit lauwarmen Artischocken“ (14 Euro), „Südtiroler Käsenockerln in Salbeibutter gebraten und serviert auf einem Spinatbett“ (11 Euro) oder „Zarte Kalbsbäckchen in kräftigem Rotwein geschmort und serviert auf einem cremigen Graupenrisotto“ (19,50 Euro) – einen Reinfall habe ich hier noch nie erlebt. Giorgio sorgt für den liebenswürdigen Service und die passenden Tropfen von namhaften Winzern, die zudem überwiegend freundlich kalkuliert sind: Etliche genießbare Weine sind unter 20 Euro zu haben. Beliebt ist auch der Mittagslunch, zwei Gänge plus Espresso für 12,50. www.cavallino-rosso.de
Der Glamouröse
George Clooney, Tom Cruise, Matt Damon – unzählige V.I.P.s haben dem „Bocca di Bacco“ (Tel. 20 67 28 28) in der Friedrichstr. 167/168 bereits einen Besuch abgestattet. Mit Prominenten kennt sich Gastgeber Alessandro Mannozzi aus: Sein Vater Massimo eröffnete Ende der 1960er Jahre das „Bacco“ in der Marburger Straße, jahrzehntelang die Speisestube der Stars und Sternchen. In der vom Junior geführten „Botschaft des guten Geschmacks” erlebt man Gaumen- und Augenfreuden. Man speist auf Weltstadtniveau in hochelegantem Rahmen an dunklem Mobiliar vor großformatiger Kunst. Geschäftige Kellner schwirren durch den Raum. Küchenchef Loriano Mura bereitet mit seinem Team verfeinerte italienische Klassiker zu. So wird der Rucolasalat (11 Euro) mit Walnüssen, Birne und Parmesan kombiniert. Die Ravioli (16 Euro) an Calamaretti-Sauce begeistern durch ihre Füllung mit Jacobsmuscheln. Dem Filet von der Dorade (24,50 Euro) wird ein Speckmantel verpasst, bevor es gebraten und mit Caprino-Creme angerichtet auf die Teller kommt. Im Weinkeller lagern rund 500 Tropfen, darunter viele Raritäten. www.boccadibacco.de
Der Kosmopolitische
Das Ristorante „Essenza“ (Tel. 25 79 68 56) könnte man trotz seiner prominenten Lage am Potsdamer Platz 1 derzeit fast übersehen, denn es ist praktisch völlig eingerüstet. Das ist einerseits schade, da der Blick auf das großstädtische Treiben eingeschränkt ist. Andererseits lässt sich so das beeindruckende Ambiente besser würdigen: Der hohe Gastraum mit Galerie verströmt ein Metropolenflair, fast wähnt man sich in Paris oder New York. Die Tische sind weiß eingedeckt, im Hintergrund läuft dezenter Jazz oder Klassik. Und tatsächlich ist auch das Publikum international, denn natürlich kehren hier auch Touristen ein. Bei den Gerichten überzeugen vor allem die Antipasti und Primi piatti, z. B. „CarpaccioVariation von Thun- und Schwertfisch mit Prosecco-Ingwer-Vinaigrette“ (14,50 Euro). Der „Risotto con radicchio trevisano“ (13,50 Euro) hat Biss und ist gleichzeitig schön cremig. An den „Linguine con vongole“ (12,50 Euro) gibt es nichts auszusetzen, auch nicht am gut geschulten Personal. Die Weinpreise sind etwas überhöht, mit Offenen fährt man besser. www.ristorante-essenza.de
Der Szenige
Mit den Szeneläden ist das so eine Sache. Mal werden sie gehypt, dann sind sie wieder out. Schon seit 1994, hält sich das „Cantamaggio“ in der Alten Schönhauser Str. 4 (Tel. 2 83 18 95). Das schlicht designte, nur abends geöffnete Restaurant zieht vor allem Medienschaffende, Film- und Theaterleute an. Manche sprechen gar von der „Kantine der Volksbühne“. Das karge Interieur steht im Gegensatz zur opulenten Speisekarte. Sie wechselt täglich und bietet neben Klassikern wie Vitello tonnato (9,50 Euro) oder Bandnudeln mit Scampi, Rucola und Kirschtomaten (13,80 Euro) auch Raffiniertes wie „geeiste Rucolasuppe mit Pumpernickel-Eis“ (8,70 Euro) und „mit Garnelen gefüllte Perlhuhnbrust und Aprikosenravioli“ (23 Euro). Gelobt werden auch das gediegene Weinsortiment und die perfekte Beratung durch die Kellner. Eine Tischreservierung ist vor allem am Wochenende dringend geboten. www.cantamaggio.de
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