Berlins beste Küchen
Archiv der Ausgabe 1 | 21. Jahrgang | Frühjahr 2008
Groß war die Begeisterung im vergangenen Herbst, als Berlin mit zwölf Michelin-Sternen allen anderen deutschen Großstädten in Sachen Edelgastronomie den Rang ablief und zur Gourmet-Metropole der Bundesrepublik aufstieg. Doch mittlerweile ist die Druckerschwärze längst getrocknet. Die Tester von Michelin, Gault Millau & Co. spitzen bereits wieder die Bleistifte, um die Ausgaben 2009 vorzubereiten. Denn einiges hat sich in den letzten Monaten in Berlins Küchen getan. TOP-Gastro-Autorin Cecilia Reible hat einen kulinarischen Spaziergang durch die City West unternommen.
Foto: Restaurant 44, Swissôtel BerlinIm Westen nichts Neues? Weit gefehlt. Zwar musste die Gegend um den Kurfürstendamm die Abwanderung von Tim Raue vom „Restaurant 44“ in Richtung Berlin-Mitte hinnehmen. Im Frühsommer wird der 34-Jährige als kulinarischer Direktor der Adlon Holding das „Ma by Tim Raue“ im Adlon Palais eröffnen. Doch sein Nachfolger im Swissôtel, Danijel Kresovic, macht bereits Schlagzeilen. Anfang Februar hat der ehemalige „Daimlers“-Chefkoch das „Restaurant 44“ mit neuem, innovativen Konzept wiedereröffnet. Das klassische Menü aus Vorspeise, Hauptgericht und Dessert hat dort ausgedient. Stattdessen können sich die Gäste ganz nach Gusto mehrere kleine Portionen zusammenstellen.
Zum neuen In-Treffpunkt des alten Westens ist die „Vienna-Bar“ in der Kantstraße avanciert. Die ehemalige „Bar du Paris Bar“ gehört nun zum Lutter & Wegner-Imperium von Josef Laggner. Jazzfans schwören auf das Szene-Restaurant „Duke“ im Ellington-Hotel in der Nürnberger Straße. Küchenchef Carsten Obermayr, der schon bei Alfons Schuhbeck und im „Tantris“ in München gekocht hat, bietet im minimalistischen Ambiente mediterran und asiatisch geprägte Gerichte an. Gebratener Kaninchenrücken mit Fenchel und grüner Olive in Süßholzvinaigrette (12,50 Euro), Filet vom St. Pierre mit Shiitakepilzen, Apfel und Zitronengrassauce (19,- ) und Pumpernickelparfait mit Quittenragout und Rotweineis (8,-) sollen beim Gast einen „Aha-Effekt“ erzeugen.
Auch der obere Ku’damm entwickelt sich weiter. Das etwas abseits gelegene Restaurant „Eiffel“, das bisher vor allem als durchdesigntes Bistro aufgefallen war, hat Brandenburgs Meisterkoch Dirk Güttes engagiert. Dessen frühere Wirkungsstätte, das Potsdamer Restaurant „Juliette“, galt mit seiner feinen französischen Küche lange als Geheimtipp und erreichte 2007 immerhin 16 Punkte im Gault Millau. Im „Eiffel“ spannt Güttes den Bogen von Geschnetzeltem vom Schweinefilet mit gebratenen Waldpilzen in Rotweinsauce (14,-) bis zu rosa gebratenem Thunfisch mit Wasabi-Kartoffelcrème und Sesam-Chili-Sauce (19,-). Fast schon als Institution gilt das Restaurant „Balthazar“ von Holger Zurbrüggen gleich hinter dem Adenauerplatz. Dort werden unter der Bezeichnung „metropolitane Küche“ großartige Kreationen von Ochsenbäckchen bis Sashimi serviert.
Noch etwas weiter westlich in Schmargendorf haben Peter und Sonja Frühsammer im „Tennisclub im Grunewald“ so gut wie alle Gastrokritiker von ihren Ambitionen überzeugt. Spätestens seit der Umbenennung des „Servino“ in „Frühsammers Restaurant“ (wie einst zu Rehwiese-Zeiten) befindet sich die Küche in der Tennisvilla auf Sterne-Kurs. Törtchen und Eis von der Gänsemastleber (28,-), Zicklein mit Birnen, Bohnen und Speck (28,-) und Sanddorntarte mit Karameleis und Meersalz (9,-) begeistern die Fangemeinde. Gäste ohne Spesenkonto loben vor allem das gute Preis-Leistungsverhältnis sowie die konsumentenfreundlichen Weinpreise. Ebenfalls nur Gutes hört man über die verbliebenen Sterneköche der City West, Thomas Kammeier („Hugos“), Matthias Buchholz („first floor“) und Bobby Bräuer („Die Quadriga“). Sie gelten gemeinhin als Kandidaten für einen zweiten Stern. cr
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