Berlins beste Küchen
Archiv der Ausgabe 3 | 21. Jahrgang | Herbst 2008
Genuss hat viele Seiten. Zu einem gelungenen Restaurantbesuch gehören für manche Menschen nicht nur köstliches Essen, passende Weine und perfekter Service. Auch der Glamour-Faktor muss stimmen. Sehen und gesehen werden, so lautet die Devise in den Berliner Szene-Restaurants. TOP-Gastro-Autorin Cecilia Reible nimmt einige der In-Läden unter die Lupe.
Restaurant BorchardtAls Mutter aller Promi-Treffs der Nachwendezeit kann wohl das Restaurant Borchardt bezeichnet werden. Anfang der 1990er Jahre eröffnete der Gastronom Roland Mary das Lokal an historischem Ort: Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in der Französischen Straße 47 ein Weinlokal gleichen Namens. Das Großraumrestaurant mit dem Charme einer Bahnhofshalle mutierte schnell zum VIP-Magneten. Politiker, Stars, Wirtschaftsbosse, Sportler und Journalisten gaben und geben sich dort die Klinke in die Hand. Bald war von der „Kantine der Republik“ die Rede, Amerikaner sprechen von „The Schnitzel-Place“. Kein Wunder, dass Erfolgsregisseur Helmut Dietl hier die Milieustudien für sein Filmprojekt über die Berliner Schickeria betrieb. Doch auch Normalos und Touristen werden ins Borchardt eingelassen – man sollte allerdings reserviert haben.
Seit etwa anderthalb Jahren betreibt Mary auch das San Nicci im Admiralspalast, eine Art Borchardt auf italienisch. Das Restaurant, das mit seinen dicken Säulen schon optisch an das Vorbild erinnert, wurde sofort zum angesagten Treffpunkt. Der Feinschmecker-Guide kürte das Lokal im vergangenen Jahr zum besten Szene-Restaurant Deutschlands. Auch im San Nicci stehen die Chancen auf Promi-Sichtungen gut. Zudem stimmen die Küchenleistungen. Serviert werden neben klassischen auch experimentelle italienische Gerichte, etwa Salat von Kaninchen mit Pfifferlingen, Melone und Haselnusspesto (14,50) oder gebratenes Kabeljaufilet auf kalter Tomatensalsa mit gebratenen Artischocken und grünem Selleriepüree (22,50). Weiterer Pluspunkt: Man kann hier sogar frühstücken, was die Berliner ja bekanntlich gern und ausgiebig tun.
Cookies CreamNur ein paar Schritte entfernt, am anderen Ufer der Spree, befindet sich mit dem Grill Royal ein weiterer Hotspot. Betreiber Boris Radzun hatte sich bereits mit dem früheren Cookies Cream und dem Felix im Adlon-Palais einen Namen als Szenewirt gemacht, bevor er im Frühjahr 2007 sein Edel-Steakhaus eröffnete. In dem „Restaurant für älter gewordene Clubgänger“ fühlen sich Künstler und Kreative aller Genres zu Hause. Für Berliner Verhältnisse ist das Preisniveau recht hoch. 250 Gramm argentinisches Rinderfilet schlagen mit 29 Euro zu Buche, Beilagen kosten extra. Während die Küche überwiegend Lob erntet, hagelt es Kritik in Sachen Service. Die vermeintlichen Anfangsschwierigkeiten – verpatzte Reservierungen, lange Wartezeiten, häufige Verwechslungen bei den Bestellungen und schnöselige Ober – gehören offenbar zum Geschäftsmodell. Da kann man sich schon fragen, ob hier ehemalige Berliner Busfahrer zu Kellnern umgeschult werden. Der vorherrschende ruppige Ton wirkt sich auf die Beliebtheit des Restaurants übrigens nicht aus. Ohne Vorbestellung braucht man zumindest am Wochenende gar nicht erst zu erscheinen.
Ebenfalls nur mit Reservierung geht es ins Cookies Cream. Um es zu finden, muss man schon genau wissen, wo es sich befindet. Es liegt versteckt in einem Hinterhof zwischen Westin Grand und Komischer Oper, über dem CookiesClub in einem ehemaligen Kino. Die Küche bietet ausschließlich Vegetarisches – Betreiber Heinz Gindullis hat schon vor Jahrzehnten den fleischlichen Genüssen abgeschworen. Sein Küchenchef Stephan Hentschel hat die Gerichte gemeinsam mit Michael Kempf vom Facil entwickelt. Das Drei-Gang-Menü für 28 Euro überzeugt mit Gratiniertem Ziegenkäse mit Kartoffelcarpaccio, Parmesanknödeln mit Korianderkarotten und Estragon Crème Brûlée. Jeden ersten Mittwoch im Monat wird unter dem Motto „The Kids Want Cookies“ für Kinder gekocht.
Shiro i ShiroDer längste Tisch Berlins steht laut Eigenwerbung im Shiro i Shiro, das zum Hotel Lux 11 in der Rosa-Luxemburg-Straße gehört. Der japanische Name bedeutet „weißes Schloss“, und so kosmopolitisch wie das Design in Weiß und Himmelblau sind auch die Gäste. Die kontrastreiche, experimentelle Fusionsküche zwischen Japan und Mittelmeer zieht besonders junge Trendsetter an, aber auch Hollywoodstars fühlen sich hier wohl. Ganz puristisch werden die Gerichte angekündigt: „red tuna tataki“ (16) etwa besteht aus Thunfisch, Gänseleber, Kräuterrisotto und Kräutersalat. Bestellt man „scallop & tortilla“ (21), werden Jacobsmuschel und Thunfischtortilla an Tomatensalsa serviert. Bedient wird man sehr freundlich, auch als Nicht-Promi.
Etwas Nachholbedarf hat derzeit die City West. Selbsternannte SzeneRestaurants gibt es zwar genügend. Ihr Promi-Faktor beschränkt sich allerdings häufig auf Damen und Herren der Bezirksliga. Nach wie vor gut läuft der Laden von Promiwirt Adnan in der Schlüterstraße. Das italienische Restaurant mit dem charmanten, Handküsse verteilenden Chef ist immer noch einer der angesagtesten Orte in der Gegend rund um den Kurfürstendamm. Hier kennt man sich aus den Chefetagen, deshalb stört auch die Enge nicht. Einen kurzen Spaziergang entfernt, an der Mommsen-/Ecke Wielandstraße, hat sich im Mai das P 12 – sprich: P dodici – angesiedelt. Die italienische Küche erntet viel Lob, der Parkservice erlaubt den glamourösen Auftritt. Die Adresse muss sich jedoch noch ein wenig unter den beautiful people herumsprechen.
An den alteingesessenen Institutionen nagt der Zahn der Zeit. Die legendäre Paris Bar in der Kantstraße hat nach der Insolvenz nicht mehr zur alten Form finden können. Auch das Florian ist kein Promiladen mehr. Stammgäste aus Funk und Fernsehen sowie aus der Friseurbranche treffen sich zwar nach wie vor in den ehrwürdigen Räumen. Doch das jüngere Publikum zieht es wohl eher nach Mitte. Die Altvorderen stören sich nicht so sehr daran, zumal man nach wie vor in beiden Lokalen durchaus gut essen kann. Jetzt bleibt das West-Berliner Urgestein eben unter sich.
www.san-nicci.de, www.grillroyal.de, www.cookiescream.com + www.shiroishiro.com
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