AUS DER MITTE EUROPAS
Archiv der Ausgabe 4 | 19. Jahrgang | Winter 2006
- Ein medialer Global-Player: Erik Bettermann, alt-neuer Intendant der Deutschen Welle
„Entkrampfung“ sei die Aufgabe des deutschen Auslandsrundfunks – so formulierte es Bundespräsident Theodor Heuss zum Start der Deutschen Welle am 3. Mai 1953. Heute ist der Auslandsrundfunk die mediale Visitenkarte Deutschlands in der Welt – mit DW-TV, DW-RADIO, DW-WORLD.DE und der DW-AKADEMIE. Die Deutsche Welle produziert Fernseh-, Hörfunk- und Internet-Angebote in Deutsch und 30 weiteren Sprachen für Menschen im Ausland. Damit fördert der Sender den Dialog der Kulturen und setzt sich für Völkerverständigung und Toleranz ein. Gerade in Ländern ohne Medienfreiheit, insbesondere in Krisen- und Kriegsregionen, dienen die unabhängigen, umfassenden, wahrheitsgetreuen, pluralistischen und unzensierten Informationen der Orientierung.
Foto: derdehmel.deSeit 2001 ist Erik Bettermann Intendant der Deutschen Welle (DW). Am 23. November wurde er vom Rundfunkrat für weitere sechs Jahre gewählt. Wir sprachen mit dem alt-neuen Intendanten.
Zuerst unseren herzlichen Glückwunsch zur Wiederwahl. Welches sind die ersten Aufgaben, die nun vor Ihnen liegen?
Wenige Tage nach der Wahl wurde eine Verwaltungsvereinbarung zwischen der ARD, dem ZDF und der Deutschen Welle unterzeichnet, die das Ziel hat, dass alle öffentlich-rechtlichen Programme die mediale Außenpräsenz Deutschlands weiter verbessern.
So werden wir neben dem mehrsprachigen Fernsehprogramm der Deutschen Welle auch den Hörfunk weiter stärken. Im Hörfunkbereich vollziehen sich gegenwärtig entscheidende technische Veränderungen. Längst ist das Zeitalter der digitalen Kurzwelle angebrochen, die eine UKW-Empfangsqualität erreicht. Ich denke, dass sich in den nächsten zehn bis 15 Jahren zeigen wird, welches technische System sich durchsetzt.
Die Deutsche Welle ist vielsprachig im Äther und zweimalig in Deutschland. Wer sitzt noch immer in Bonn und wer darf in Berlin arbeiten?
Rechtssitz der Deutschen Welle ist Bonn. Am Rhein sitzt die Verwaltung, der komplette Hörfunkbereich und die Online-Redaktion. Auch der Vertrieb und der technische Bereich, einschließlich IT, arbeiten in Bonn. In der Berliner Voltastraße befindet sich der komplette Bereich des DW-Auslandsfernsehens.
Bei der Deutschen Welle arbeiten 1 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, hinzu kommt noch einmal die gleiche Zahl an freien Mitarbeitern.
Ingesamt arbeiten bei der Deutschen Welle 450 ausländische Kollegen, die aus 60 Nationen kommen. Prinzip ist, dass stets Muttersprachler das jeweilige Auslandsprogramm moderieren.
Die Deutsche Welle sendet rund um die Uhr mit Nachrichten alle 30 Minuten und festen Sendeplätzen für Wirtschaft, Kultur und Sport. Wie gefragt ist das deutsche Auslandsprogramm?
Die Deutsche Welle ist kein Massensender. Unsere Zielgruppe sind die Meinungsmultiplikatoren und Info-Eliten.Foto: derdehmel.de
Im Zeitalter der Globalisierung kommt den Medien weltweit eine enorme Bedeutung zu. Das Interesse an Deutschland ist – auch außerhalb Europas – groß. Das hat mit unserer Geschichte zu tun. Unser Mediensystem genießt eine hohe Akzeptanz, denn natürlich kennt man im Ausland den Artikel 5 des Grundgesetzes, der die Presse- und Meinungsfreiheit regelt. Unsere Beiträge vermitteln doch gerade, wie wir damit umgehen, wie die autonome Funktion der Medien, auch der privaten, tägliche Normalität ist. Das schafft eine hohe Reputation, die ich am Beispiel des Dekans einer nordafrikanischen Universität illustrieren möchte. Er erzählte mir: Zuerst höre er die Nachrichten eines arabischen Senders, anschließend Voice of America und dann die Meldungen der Deutschen Welle.
Die Deutsche Welle ist kein Massensender. Unsere Zielgruppe sind die Meinungsmultiplikatoren und Info-Eliten.
Wir vermitteln das umfassende Bild Deutschlands als gewachsene Kulturnation im Spannungsbogen zwischen Goethe und Günter Grass.
Schon Mitte der 60er Jahre begann die Deutsche Welle, sich für die Aus- und Weiterbildung von Journalisten zu engagieren.
Die DW-AKADEMIE sitzt im Funkhaus in Bonn und gliedert sich in das Fortbildungszentrum, die journalistische Ausbildung und das interkulturelle Medientraining. Das Fortbildungszentrum für Hörfunk und Fernsehen wurde 1965 als Instrument der deutschen Medienentwicklungszusammenarbeit gegründet. Heute bietet das Zentrum ein breites Spektrum an Fortbildungsangeboten für Medienschaffende aus den Bereichen Hörfunk und Fernsehen. Mehr als 20 000 Journalisten, Manager und technische Mitarbeiter von Rundfunkstationen in Entwicklungsländern und Osteuropa haben bisher an Kursen der DW-AKADEMIE teilgenommen. Viele ehemalige Kursteilnehmer bekleiden heute in ihren Heimatländern verantwortliche Positionen. Die Deutsche Welle bietet Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten eine trimediale Redakteursausbildung und ein Fremdsprachenvolontariat speziell für junge Journalisten aus unseren Sendegebieten. Das interkulturelle Medientraining der DW-AKADEMIE richtet sich vorrangig an deutsche Führungskräfte, die sich auf einen Auslandseinsatz vorbereiten. International erfahrene Trainer vermitteln interkulturelles Wissen und Medienkompetenz.
Sie schauen täglich über Ländergrenzen. Fühlen Sie sich als Deutscher oder als Europäer?
Als deutscher Europäer. Meine Generation wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Ich habe erlebt, wie an der luxemburgischen Grenze Schlagbäume abgerissen wurden und ein holländischer Jugendlicher vor mir ausspuckte. In mir war stets das Wissen: Ich habe keine Schuld, aber eine historische Verantwortung. So habe ich das deutsch-französische und das deutschisraelische Jugendwerk mit aufgebaut und war von Anfang an Mitglied des Deutschen Poleninstituts. Ich bin ein überzeugter Europäer und stolz auf den Reichtum kultureller Identitäten, den dieser Kontinent hat. Diese Vielfalt wird erhalten bleiben, das ist gut und wichtig.
So habe ich den Traum einer „zivilen Weltgesellschaft“ – wohl wissend, dass zwei Drittel aller Menschen in nicht liberalen Verhältnissen leben und dass dies eine Utopie ist. Aber wer hat Europa vor 50 Jahren so gesehen wie es heute ist? So ist die „zivile Weltgesellschaft“ für mich Philosophie, Ziel und Utopie zugleich.
Sie sind ein Mensch, der Lebensfreude ausstrahlt. Wie tanken Sie Ihren Akku auf?
Bei meiner Familie und beim Kochen. Ich bin ein leidenschaftlicher
Hobbykoch und habe in der ganzen Welt Kochbücher gekauft. Das Regal, auf dem die Sammlung steht, heißt in der Familie „So isst die Welt“. Kochen ist ein wunderbarer Weg, andere Völker, ihre Kultur und Gewohnheiten kennen zu lernen.
Als 1991 die Entscheidung für den Umzug der Bundesregierung nach Berlin fiel, waren Sie nicht gerade begeistert. Heute sind Sie bekennender Berlin-Fan. Was hat den Sinneswandel maßgeblich beeinflusst?
Nun, Bonn war und ist ein Symbol für den demokratischen Neubeginn nach dem Krieg, für Demokratie-Entwicklung und Föderalismus. 1995 kam ich als Bevollmächtigter für Bundesangelegenheiten, Europa und Entwicklungszusammenarbeit der Freien Hansestadt Bremen nach Berlin. Die Stadt erlebte ich von Anfang an als spannend. Berlin ist eine Brücke zwischen Ost und West, ein Schmelztiegel und hat einen wahren Humus an gesellschaftlicher Kommunikation. Ich hoffe, dass die Politiker mit offenen Augen durch die Stadt gehen und ihre Wege manchmal auch aus dem Regierungsviertel hinausführen.
1999 verlegte meine Familie ihren Lebensmittelpunkt ganz nach Berlin. Wir fühlen uns wohl, genießen die lebendige Kultur und den schnellen Rhythmus der Hauptstadt. Aber auf meinen Rhein lasse ich nichts kommen und auch nichts auf mein schönes Rheinland mit seiner sympathischen Lebensphilosophie.
bm
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2006





















