Architektur, Gärten und Künstler
Archiv der Ausgabe 3 | 22. Jahrgang | Herbst 2009
- Frohnau – Ein Ausflug in Berlins schönen Nordwesten lohnt sich immer
- von Gerald Backhaus
Das zauberhafte Holzhaus meiner vor kurzem nach Frohnau gezogenen Freunde im Sigismundkorso ließ ein Arzt, der in der Gegend des Kurfürstendamms praktizierte, um 1910 für sich und seine Familie als Sommer-Domizil erbauen. Schwingt man sich hier aufs Fahrrad, ist man ganz schnell am Frohnauer Bahnhof und schafft es von da aus mit der S-Bahn in etwa einer halben Stunde zum Prenzlauer Berg oder nach Charlottenburg. Vom Berliner Zentrum mit dem Wagen kommend, erreicht man Frohnau über die Bundesstraße B 96, wenn man in Richtung Oranienburg fährt. Zuvor verlässt man das Stadtgebiet für ein paar hundert Meter. Hier führt die Bundesstraße entlang des ehemaligen „Todesstreifens“ der Mauer durch Brandenburg. Auf dem Weg ins Frohnauer Zentrum passiert man ein „Mauerdenkmal“, das an den Verlauf der Grenze erinnert, die zwei Staaten und Systeme und die hier lebenden Menschen 28 Jahre lang voneinander trennte.

An der Buche, Landhausgruppe von Heinrich Straumer, Foto: © Michael Haddenhorst
Im kommenden Jahr feiert Frohnau übrigens seinen hundertsten Geburtstag! Doch schon lange vor der Gründung im Jahr 1910 und dem Bau des Jugenstil-Bahnhofsgebäudes verkehrte hier eine Eisenbahn, mit der man nach Stralsund fahren konnte. 1877 eingeweiht, wurde die Strecke ab 1891 zweigleisig ausgebaut. An der Stelle des heutigen S-Bahnhofs stand früher ein Bahnwärterhäuschen. Als Wahrzeichen von Frohnau aber gilt der dreißig Meter hohe Kasinoturm, zwischen 1909 und 1910 nach Entwürfen der Architekten Gustav Hart und Alfred Lesser errichtet. Den balkonartigen Umgang unterhalb der Turmspitze hat man als Aussichtsplattform gestaltet. Eigentlich war der Kasinoturm ein Wasserturm, früher diente ein Hochdruckbehälter im Turminneren zur Versorgung des Bahnhofs und der angrenzenden Geschäftshäuser mit Wasser.
Auffallend für Frohnau-Besucher ist, dass die Hauptstraßen ihren Ausgangspunkt an der Doppelplatz-Anlage von Ludolfingerplatz und Zeltinger Platz nehmen. Und natürlich gibt es in der ehemaligen „Gartenstadt“ eine Vielzahl architektonisch bemerkenswerter Wohngebäude. Die Berliner Terrain- Centrale, die die Villenkolonie zu Beginn des 20. Jahrhunderts angelegt hat, beauftragte Heinrich Straumer, einen der führenden Architekten der Landhausbewegung, mit der Planung einer Musterhausgruppe aus vier Wohnhäusern. Er schuf „An der Buche“, ein in sich geschlossenes städtebauliches Ensemble rund um eine öffentliche Grünanlage. In deren Mitte steht eine alte Buche mit Rundbank, auf der es sich wunderbar gemeinsam entspannen lässt. Zusammen mit einem Brunnen erinnert die ganze Szenerie an einen Dorfanger. Die Höhenunterschiede zu den höher liegenden Häusern gleichen Mauern aus Granitfindlingen aus. Die Vorgärten wurden auf unterschiedlichen Niveaus als Terrassen angelegt. Zwei an der Straße liegende Gartenpavillons verstärken den idyllischen Charakter dieser Anlage.
Gartenkünstlerische Perlen

Am Ludolfingerplatz, Foto: © Michael Haddenhorst
Grün ist es in Frohnau das ganze Jahr über. Das liegt vor allem an dem dichten Nadelbaumbestand, einem charakteristischen Merkmal des Forstes, der den ganzen Ort umschließt. Zu dem mitten im Wald gelegenen Hubertussee lohnt sich immer ein Spaziergang. Frohnau glänzt aber auch mit faszinierenden Villen- und Landhausgärten, in die man beim Flanieren oder Radeln den einen oder anderen Blick erhaschen kann. Wer mehr über Frohnau lernen möchte, der ist bei Katrin Pollok genau richtig. Bei ihren Führungen erfährt man Wissenswertes über die Geschichte und die aktuellen Geschehnisse der Gartenstadt. Besonders dramatisch verhält es sich mit der momentanen Situation der Villengärten. Schuld an deren Vernachlässigung waren weniger die Kriegszerstörungen, sondern viel mehr ab 1933 der Feldzug der Nazis gegen das jüdische Großbürgertum und nach dem Krieg der Wegzug der noch in Berlin verbliebenen großen Familien nach Westdeutschland. Die Stadtplanung der sechziger Jahre vergaß viele der früher hoch geschätzten Gärten einfach, zudem kam es seit dieser Zeit zu vielen Grundstücksteilungen und zu neuen Bebauungen. Einen Wendepunkt in dieser Entwicklung stellte die Gründung der Berliner Gartendenkmalpflege 1978 dar. Aufatmen konnte das historisch interessante Grün dann 1985, als der Westberliner Senat eine flächendeckende Inventarisierung aller denkmalwerten Privatgärten beschloss.
Unter den gartenkünstlerischen Perlen, die man in Frohnau findet, ist der Garten von Martha Kraney in der Gollanczstraße. Das große Grundstück mit seinem nahezu quadratischen Grundriss grenzt an den Ludwig-Lesser-Park. Das gut erhaltene Haus wird seit Jahren als Kinderheim genutzt, der vom Gartenarchitekten Hermann Mattern in den dreißiger Jahren gestaltete Garten ist in seinen Grundzügen erhalten geblieben. Auffällig ist die mit Glyzinien berankte Pergola. Ein weiteres Beispiel dafür, wie ein Anwesen wirken kann, wenn man es professionell gestaltet, findet man im Sigismundkorso. Das langgestreckte niedrige Klinkerhaus der Familie Tigges, das auf dem höchsten Punkt des Anwesens steht, wurde 1928 von den Architekten Josef Braun und Alfred Gunzenhauser gebaut. Die Terrasse wird von Hecken gesäumt, locker geschwungene Kieswege führen von dort in den gut erhaltenen Garten hinunter, der durch seine schlichte Großzügigkeit bezaubert.

Villa am Ludolfinger Weg, Foto: © Michael Haddenhorst
Eine Adresse, an der Kunstliebhaber und Kreative in Frohnau nicht vorbei kommen, ist der Künstlerhof, in dem zurzeit über 30 Vertreter verschiedener Kunstrichtungen arbeiten. Die Produktionsstätten existieren seit elf Jahren auf dem Waldgelände im Hubertusweg. Dieses Domizil entstand mit Unterstützung des Bezirksamts und durch Eigeninitiative der Künstler. In den eingeschossigen Fachwerkbauten, die früher als Lazarett dienten, und einem Neubau von 1970 haben sich unter anderem Maler, Bildhauer, Keramiker, Grafiker, Schriftsteller, Fotografen und Musiker eingemietet. Das älteste Gebäude auf dem Gelände, eine unter Denkmalschutz stehende Blockhütte, stammt aus dem Jahr 1907 und ist zugleich das zuletzt hinzugekommene, sie wurde 2002 auf den Künstlerhof umgesetzt. Die Lazarett-Bauten wurden zeitweilig auch als Lungenheilstätte genutzt. Später zog eine Außenstelle der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik hier ein. Nach ihrer Schließung wurden bosnische Flüchtlinge auf dem Gelände untergebracht, 1998 schließlich kamen die Künstler. Mindestens einmal im Jahr veranstalten sie Tage der Offenen Tür, die durch ein Rahmenprogramm mit Konzerten, Lesungen und Ausstellungen ergänzt werden.
Ob wegen der Architektur, der Gärten oder der Künstlerateliers – ein Ausflug nach Frohnau lohnt sich immer. Die Senatsverwaltung bewirbt die nordwestliche Vorstadt als „einen exklusiven Villen- und Landhausstandort mit unmittelbarer City- und Brandenburg- Anbindung, von dem man schnell und bequem mit der S-Bahn in der Mitte Berlins ist“. Frohnau hat auch sonst „alles, was ein modernes und stilvolles Leben ausmacht“, heißt es von offizieller Seite. Gediegene Einkaufsmöglichkeiten, besonders an den beiden Hauptplätzen östlich und westlich der Bahngleise, ein Wochenmarkt sowie Schulen und Kindereinrichtungen machen diesen Ortsteil für Familien besonders attraktiv und liebenswert. Wird also Zeit, mal wieder zu meinen Freunden in den Sigismundkorso zu fahren und sich bei einem Spaziergang am Herbstlaub von Frohnau zu erfreuen.
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2007
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