Die Renaissance des Chapeau
Archiv der Ausgabe 2 | 22. Jahrgang | Sommer 2009
- Mode-News
- von Giovanni di Caprese / Milano – Paris
Mit Beginn der Saison für hochkarätige Outdoor-Events feiert ein jahrhundertealtes Accessoire ein nie dagewesenes Comeback. Der durch Werbeguru Hartwig Gottwald in den 50ern aufgelegte Slogan „Man trägt wieder Hut“ benötigte noch einmal ein halbes Jahrhundert, um als Statussymbol wieder ins Bewusstsein der Menschen zu gelangen.
Es war im Paris der frühen 90er Jahre als Marie Mercié’s Buch „Voyage autour d’un Chapeau“ (Reise um einen Hut) für Aufsehen in der französischen Gesellschaft sorgte. Die ehemalige Modejournalistin und Modistin setzte mit der Eröffnung ihrer Hutboutique in der Rue Saint Sulpice im 6. Arrondissement der französischen Metropole ein Zeichen, das sich in den darauffolgenden Jahren nicht unerheblich auf das Modebewusstsein der Pariserinnen auswirken sollte. Das Comeback des Chapeau machte nicht nur unter Couturedesignern die Runde, sondern verfestigte sich schleichend als Statussymbol innerhalb einer gesellschaftlichen Klasse, die seitdem das Hütetragen zu beinahe jedem Ereignis zelebriert, dem ein Hauch klassischer Romantik anhaftet. Ob Ascot, Longchamps, Chantilly, Flottbeck oder Hoppegarten, jeder dieser Locations haftet der Nimbus auffällig eleganter Hutkreationen zu den dort stattfindenden Events an.
Jean Louis Dumas Hermès, Inhaber der gleichnamigen Sattlerei mit integriertem Modeimperium, machte als Sponsor weltberühmter Reitevents die Not zur Tugend und legte sich zur Ergänzung seines Angebots den traditionellen Hutmacher Motsch in der Avenue George V zu. Da Modetrends stets von einem einflussreichen Kreis der Gesellschaft ausgehen, wird sich auch der Hut als „must-have-piece“ in den kommenden Jahren weiter durchsetzen. Zu dieser Erkenntnis kommen auch namhafte Trendforscher wie Peclers oder Edelkoort. Seit dem Ende des Krieges eröffneten in den Metropolen Europas zu keiner Zeit mehr junge Modisten eigene Geschäfte als heute. Auch Warenhäus ererkennen den Trend und vergrößern Ihr Sortiment. Wo vor kurzem noch eine Handvoll Modelle lieblos in der hintersten Ecke gestapelt herumlagen, sind heute großzügig gestaltete Abteilungen mit bis zu über hundert aufwändigen Designerkreationen zu finden, die sich in Farbe, Ausstattung und Umfang überbieten.
Anders als zu Beginn des 20. Jahrhunderts symbolisiert der Hut heute nicht mehr den Wohlstand seiner Trägerin oder seines Trägers. Denn unabhängig von der Hutgröße schaffen die heutigen Produktionsformen Preissegmente für beinahe Jedermann und jede Frau. Bedingt durch die Demokratisierung sind auch die ehemals 20 Herrenklassiker verschwunden und wurden durch vier bis fünf Grundformen ersetzt. Geblieben sind der Strohhut und der Borsalino als geläufiger Standard. Zylinder, Melone und Panama gelten dann bereits schon wieder als Kopfbedeckungen des gehobenen Citadin. Dass der Hutträger von heute allerdings immernoch nur die Speerspitze eines kommenden Massentrends darstellt, erleben derzeit jene, die als gefeierte Modeikonen am Rande der Catwalks bereits eine Sammlung von Hüten besitzen. Besonders schöne Hutschachteln werden aufgrund erweiterter Nachfrage wie Kunstwerke nur noch zu Auktionspreisen gehandelt. Ein Tipp für den, der sich als Produzent auf die Suche nach einem gar nicht so neuen Segment begibt.
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