Archiv der Ausgabe 4 | 21. Jahrgang | Winter 2009
- Harald Grunert, Präsident des KarnevalsZug Berlin e. V.: Am 22. Februar 2009 tanzt der Bär
Narren am Ku’damm? Jecken auf dem Breitscheidplatz? Notorische Skeptiker und Karnevals-Verweigerer halten das für Einzelerscheinungen. Tatsächlich haben die Berliner jedoch mehr Humor als Viele glauben.

Fotos: DAVIDS
Im Frühjahr 2000 gründeten sieben Idealisten den KarnevalsZug Berlin e. V. mit dem Ziel, die Tradition des öffentlichen Karnevals wieder zu beleben. Seitdem wird die 5. Jahreszeit in der Hauptstadt ausgelassen gefeiert und am 22. Februar 2009 ist es wieder so weit. Wir trafen den Präsidenten des KarnevalsZug Berlin e. V., Harald Grunert, zu einem durchaus ernsthaften Gespräch über ein fröhliches Treiben.
Vor elf Jahren kamen Sie aus Bonn fast zeitgleich mit der Regierung nach Berlin. Seitdem sind Sie einer der Geschäftsführer der „Ständigen Vertretung” (StäV) – Restaurant und Institution in einem. Haben Sie den rheinischen Karnevalsfrohsinn gleich mit importiert?
Ja und nein. Ja, weil rheinische Ausgelassenheit im Karneval quasi genetisch bedingt ist. In der „Ständigen Vertretung” am Schiffbauerdamm wurde natürlich schon im ersten Jahr kräftig und ausgelassen rheinischer Kneipenkarneval gefeiert. Immerhin zogen mit der Regierung etwa 50.000 Rheinländer an die Spree. Und nein, weil es zu diesem Zeitpunkt bereits 24 Karnevalsvereine in Berlin gab, in Brandenburg ungefähr hundert. Die wussten auch schon damals alle, wie man richtig Karneval feiert.
Wie war Ihre erste Begegnung mit dem Berliner Karneval?
1999 fragte mich einer der Karnevalsvereine, ob ich das Amt des Prinzen übernehmen möchte. Ich sagte „Ja” und schon war ich mittendrin, mit ungefähr 100 Auftritten in der Karnevalssession. Aber das war ein „Saalkarneval” – gefeiert wurde in geschlossenen Räumen, kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen.
Schon im Februar 2001 gab es dann den ersten Karnevalszug …
… und im Vorfeld kübelweise Häme. Dabei ist der Karnevalszug durchaus Berliner Traditionen. Noch 1958 zog das närrische Volk über den Kurfürstendamm. Für die Idee, einen Verein Karnevalszug Berlin zu gründen, ernteten wir auch den Vorwurf, den Berlinern ein Stück rheinische Kultur aufs Auge drücken zu wollen. Dabei war es eine gute Variante, die Aktivitäten der vielen Karnevalsvereine in und um Berlin zu bündeln. Allen Skeptikern zum Trotz: 150.000 Menschen kamen zum ersten Karnevalszug und mit jedem Jahr wurden es mehr. In den letzten drei Jahren war es eine Veranstaltung, die rund eine Million Besucher anzog.
Damit gehört der Karnevalszug zu den großen Events der Hauptstadt und wird zum Besuchermagneten.
Ja, er prägt wie Christopher Street Day, Karneval der Kulturen oder die Silvesterparty am Brandenburger Tor das öffentliche Bild von Berlin. Schade nur, dass die professionellen Berlin-Werber sich damit vereinzelt noch nicht so richtig anfreunden konnten. Dabei findet der Karnevalszug in einer Zeit statt, in der in Berlin keine anderen Events dieser Größenordnung stattfinden.
Entwickelt sich der Karnevalszug zu einem Event von wirtschaftlicher Bedeutung?
Diese Stufe haben wir längst erreicht. Es gibt Busunternehmen, die deshalb nach Berlin kommen. Viele Firmen dieses Landes arbeiten ein ganzes Jahr lang an Produkten für den Karneval. Vor zehn Jahren hatte die Galeria Kaufhof nur ein kleines Regal mit Karnevalsartikeln, heute gibt es eine ganze Abteilung dafür. Selbst die Metro und das KaDeWe führen inzwischen Karnevalsartikel in ihrem Sortiment.
Worin liegt der Reiz des Karnevalzuges?
Ich denke, dass viele Menschen die Lust am ausgelassenen Feiern vereint. Und ehrlich, wer verkleidet sich nicht gern? Schlüpft in eine andere Rolle? Übrigens, ein Viertel der Gäste sind Kinder. Es ist eine Veranstaltung für die ganze Familie, für Menschen aus allen sozialen Schichten und dazu noch gratis. Dazu gibt es auf dem Breitscheidplatz ein Programm auf zwei Bühnen und beim Umzug zwischen 50 bis 70 Tonnen Wurfmaterial, vor allem Bonbons und Schokolade. Und: mit der Streckenführung bieten wir den Teilnehmern bundesweit einmalig die Möglichkeit, sich im Zug zu begegnen.
Für eine Veranstaltung braucht man starke Partner …
Natürlich sind wir immer auf der Suche nach Sponsoren, was schwierig ist. Das liegt wohl auch am Thema. Öffentliche Mittel erhalten wir – im Gegensatz zum Karneval der Kulturen – nicht.
Seit Jahren freuen wir uns umso mehr über die Unterstützung durch die Galeria Kaufhof, Coca-Cola, die Kaiser’s-Tengelmann AG und Scandlines sowie die Firma M. Nareyka Veranstaltungsmanagement.
Mitglieder des Vorstandes des KarnevalsZug Berlin e. V. kümmern sich um die behördlichen Genehmigungen, die Sicherheit, das Programm, also all die vielen großen und kleinen Aufgaben, die bewältigt werden müssen, damit eine Veranstaltung mit einer Million Besucher gelingt.
Welche Strecke wird der Karnevalszug 2009 haben?
Er führt am 22. Februar 2009 vom Steinplatz über die Hardenberg-, Budapester, Kurfürsten- und Bayreuther Straße zum Wittenbergplatz, von dort aus über den Tauentzien auf den Kurfürstendamm bis zur Schlüterstraße und dann auf der anderen Seite des Kurfürstendamms zurück zur Joachims thaler Straße. Hier endet der Zug wie im letzten Jahr mit einer Riesenparty im Q-Dorf, und seien Sie versichert: Hier tanzt der Bär!
Tipp: Der neue Karnevalssong vom Sonarichor Berlin ist auf der CD „In Berlin ist Karneval” zu hören.
www.karnevals-zug-berlin.de