Archiv der Ausgabe 2 | 21. Jahrgang | Sommer 2008
- Musikalische Völkerverständigung: Daniel Barenboims israelisch-arabisches Orchester
Im August gastiert das West-Eastern Divan Orchestra in Berlin. Dieses Konzert auf der Waldbühne wird sicher nicht nur zum musikalischen, sondern auch zum politischen Ereignis, weil das israelisch-arabische Orchester auch einen Akt aus einer Wagner-Oper spielen wird. Ein ungewöhnliches Konzert, das gut passt zu diesem ungewöhnlichen brückenschlagenden Klangkörper. Das West-Eastern Divan Orchestra wurde 1999 von dem argentinisch-israelischen Dirigenten Daniel Barenboim und dem in Palästina geborenen amerikanischen Literaturwissenschaftler Edward Said in Weimar gegründet. Mittlerweile ist das Orchester im spanischen Sevilla zuhause, dort wird geprobt, dort bereiten sich die jungen Musiker aus Ägypten, Syrien, Jordanien, Libanon, Israel, Palästina und Spanien auf die jährlich stattfindenden Tourneen vor. Die ägyptische Flötistin Reham Fayed ist seit acht Jahren dabei, ihr israelischer Kollege, der Geiger Daniel Cohen, seit fünf Jahren. Gerald Backhaus sprach mit den Musikern auf der Wiese neben der Staatsoper Unter den Linden.
Wie finden Sie Berlin?

Daniel Cohen und Reham Fayed; Foto: Sabeth Stickforth
Reham Fayed (RF): Generell hat mich das musikalische Leben von Berlin angezogen, die Philharmonie, die Staatsoper, es ist phantastisch, als Musiker in Berlin zu leben. Vor einem Jahr war ich schon mal zu ein paar Unterrichtsstunden hier und es hat mir so gefallen, dass ich mir sehr gewünscht habe wiederzukommen. Ich habe das Vorspiel für die Orchester-Akademie bei der Staatskapelle Berlin gemacht und nun bin ich dabei.
Daniel Cohen (DC): Ich mag Berlin und was es für Künstler bietet, ganz besonders für Musiker. Die Lebensqualität, die man hier hat, ganz besonders, wenn man wie ich nach vier Jahren in London herkommt.
Warum?
DC: Mit sehr begrenzten Mitteln kann man hier ziemlich komfortabel leben. Man kann gut essen und trinken, die Luft ist relativ sauber. Es gibt großartige Konzerte. Und all diese Bio-Dinge, die es hier gibt, und die Berlin-Fashion, all das mag ich.
Was ist das Besondere am West-Eastern Divan Orchestra und an der Zusammenarbeit mit Daniel Barenboim?
DC: Mit dem Maestro zu arbeiten ist außergewöhnlich. Ob man die Triangel spielt oder das Orchester dirigiert, man lernt sehr viel. Er lehrt uns über Musik, wie man ihr begegnet und einander zuhört. Ich weiß immer, wo ich stehe im Divan, auf was ich hören muss und warum. Wir haben wunderbare Coaches von der Staatsoper, die mit jeder Instrumenten-Sektion separat üben. Wenn Barenboim kommt, sind wir dann schon über die technischen Probleme hinaus und können uns ganz der Musik widmen.
Und wie ist das, gemeinsam mit arabischen Musikern zu spielen, wie läuft die Zusammenarbeit im Orchester?
DC: Mit Reham war es schwierig (lacht), nein, ich mache natürlich Spaß. Es ist toll. Für mich sind die anderen inzwischen nicht mehr Leute aus anderen Ländern, sondern Freunde. Ich treffe sie jedes Jahr im Sommer.
War das von Anfang an schon so?
DC: Nein, am Anfang war es wie ein Schock. Auf meinem ersten Flug nach Sevilla lernte ich eine Musikerin aus Ramallah kennen. Das war das erste Mal, dass ich jemanden aus Palästina und überhaupt aus einem arabischen Land traf. In Israel trifft man niemanden von der anderen Seite, wir dürfen nicht dorthin, und ihnen ist es verboten, nach Israel zu kommen. Das Orchester ist also die einzige Gelegenheit, in der man jemanden von dort trifft. Sehr interessant für mich war festzustellen, wie ähnlich wir uns sind.
RF: Für mich als Ägypterin – wir haben diesen „Kalten Frieden“ mit Israel und Einschränkungen, wenn es um die Beziehungen zu Israel geht – war es am Anfang sehr hart. Nein, nicht hart, aber neu. Inzwischen denke ich, dass wir alle Menschen sind, und dass wir uns alle ähnlich sind. Diese Erfahrung, die ich durch das Orchester sehr jung gemacht habe, dazu hat in meiner Heimat kaum jemand eine Chance.
Und wie war die Akzeptanz in Ihrer Umwelt, bei Familie und Freunden zu Hause?
RF: Am Anfang war es für die Menschen um mich herum schwierig, das zu verstehen. Aber inzwischen gewöhnen sie sich daran, dass ich viel erzähle von meinem Zusammenspiel mit Israelis, und dass sie wirklich so nett sind. Und nun akzeptieren sie es.

Daniel Barenboim und das West-Eastern Divan Orchestra; Foto: Monika Rittershaus
DC: Die Reaktionen sind gemischt. Es hängt von der Einstellung des Einzelnen ab. Es ist sehr schwierig für mich, jemandem in Israel zu erklären, was es für mich bedeutet, mit Menschen aus Syrien, Ägypten oder dem Libanon befreundet zu sein. Zumal die Freundschaften sich ja erst entwickelt haben. Zunächst war man sehr verärgert über die Meinungen der anderen, doch mit der Zeit lernte man, mit ihren Einstellungen zu leben, auch wenn man oft selbst ganz anderer Meinung ist. Die ersten Tage, wenn man sich jedes Jahr wieder trifft, sind immer eine Kombination von Wiedersehensfreude und Vorsicht. Es dauert eine Weile, bis man sich öffnet.
2006 während des Krieges war es bestimmt sehr schwierig.
DC: Ja, abends ging man zusammen aus und verhielt sich so, als ob nichts geschehen sei. Es dauerte eine Woche, bis dann erhitzte Debatten ausbrachen.
RF: Wir brauchten viel Zeit. Bevor wir die Proben in Sevilla begannen, dachte ich in Ägypten, dass ich meine israelischen Freunde vermisse und sie sehen will. Dann gab es natürlich diese heftigen Diskussionen …
DC: Ich habe lange schon damit aufgehört, Reham als eine Ägypterin zu sehen, sie ist vor allem anderen eine Freundin. Dass sie aus Ägypten kommt, ist natürlich von großem Interesse für mich, aber wenn man miteinander diskutiert, dann diskutiert man unter Freunden. Freunde können sehr oft entgegengesetzte Anschauungen haben, das kann einen verärgern. Der Grund ist der: Wenn mir jemand, den ich sehr mag und der mir wichtig ist, sagt, dass ich etwas Falsches mache, oder wenn er oder sie eine feindliche Haltung mir gegenüber einnimmt, dann kann ich nur schwer damit umgehen.
Jetzt lernen Sie beide Deutsch, wie kommen Sie damit voran?
DC: Ja, vor drei Wochen ging es los. Es ist sehr schwierig, aber wir hoffen, dieses Interview im nächsten Sommer auf Deutsch zu machen. Ich mag die deutsche Sprache, sie ist wie das Spielen mit Lego-Bausteinen. Man kann Worte nehmen und sie gut mit anderen kombinieren. Es ist ein bisschen wie ein Spiel.
RF: Für Musiker ist es eine wundervolle Sprache, die man können sollte. Ein Großteil des Repertoires, das wir spielen, ist ja in Deutsch bzw Österreichisch, also von deutschsprachigen Menschen geschrieben, daher ist es sehr wichtig für uns, die Sprache zu lernen. Außerdem, wenn man hier mit all den großartigen Künstlern zusammen arbeiten möchte und alle deutsch reden, dann ist es ein großer Vorteil, auch die Sprache zu können.
Haben Sie schon Lampenfieber, wenn Sie an das Konzert in der Waldbühne denken?
DC: Zwanzigtausend Menschen sollen da rein passen? Wir freuen uns sehr darauf, vor so vielen Menschen aufzutreten! Wenn so viele aufstehen und applaudieren und jubeln … für mich ist es das, was ein Konzert wirklich ausmacht. Wenn Sie das schreiben, dann schreiben Sie bitte, dass alle Berliner kommen sollen! gb
Daniel Cohen
ist Israeli und stammt aus Netanja. Nach seinem Studium an der Universität Tel Aviv erlernte er das Dirigieren an der Royal Academy of Music in London. Mittlerweile arbeitet der 24-Jährige freiberuflich als Chefdirigent des Jersey Kammerorchesters Großbritannien, bei seinem Ensemble in Israel und als Geiger in verschiedenen Orchestern, vor allem aber beim West-Eastern Divan Orchestra, zu dem er 2003 kam. Im September 2007 zog er nach Berlin und will noch mindestens ein Jahr hier bleiben.
Reham Fayed
ist Ägypterin, geboren 1980 in Saudi-Arabien. Ihre Familie zog nach Kairo, als sie 14 Jahre alt war. Sie studierte Musik am Kairo Konservatorium, an dem sie inzwischen Flötenunterricht gibt. 1998 begann sie damit, im Opernorchester Kairo zu arbeiten, seit 2000 ist sie Musikerin im West-Eastern Divan Orchestra. Vor kurzem ist sie nach Berlin gezogen. Ihr Ehemann, der Cellist Hassan Moataz, ist seit 1999 ebenfalls Mitglied im West-Eastern Divan Orchestra, ihre gemeinsame Tochter Hala ist vier Jahre alt.
Das Konzert des West-Eastern Divan Orchestra mit Werken von Mozart und Wagner findet am 23. August 2008 in der Berliner Waldbühne statt.