Archiv der Ausgabe 2 | 19. Jahrgang | Sommer 2006
„Vor allem, weil es Berlin war”, entschied sich Jochen Schmitt 1998 für einen Wechsel aus Ostwestfalen in die Hauptstadt. Den leidenschaftlichen Bier-Fachmann beschäftigt zurzeit vor allem die Zusammenführung der Berliner Brauereien am Standort Hohenschönhausen. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer der Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei über abgetragene Mauern, einen Standort in Berlins Osten, schwarze Zahlen, die Karriere einer „Konsummarke” und die genießerische Freude an einem frisch gezapften, wohltemperierten Bier.
Namhafte Brauereien in Duisburg (König-Brauerei), Steinfurt (Rolinck) und Ostwestfalen (Herford) waren Stationen Ihres Berufsweges. 1998 entschieden Sie sich für Berlin. Eine Erfolgsgeschichte?
Berlin hat mich schon immer fasziniert. Und ich habe schon früher jede sich bietende Gelegenheit genutzt, in die Hauptstadt zu fahren. Der Standort Berlin war letztlich auch der entscheidende Grund, die Aufgabe bei Schultheiss zu übernehmen. Die Aufgabe selbst habe ich allerdings unterschätzt. Ich spürte schnell, wie tief der Graben zwischen der Schultheiss-Belegschaft und den Mitarbeitern war, die in der Indira-Gandhi-Straße schon zu DDR-Zeiten Berliner Pilsner brauten. Da waren noch Mauern in den Köpfen und in den Strukturen, die lähmten.

Ich war weder Ost- noch Westberliner und wollte zunächst nur eins: die Überzeugung vermitteln, dass die Brauerei nur mit Geschlossenheit und großem gemeinsamen Engagement Erfolg haben könne. Das ist dann ja auch über Erwarten gut gelungen.
Aushängeschild Ihres Hauses ist Berliner Pilsner. Eine Premium-Marke, die die 5-Sterne-Gastronomie der Region genauso schätzt wie die Hauptstädter.
Wir haben mit Berliner Kindl, Schultheiss und Berliner Pilsner drei starke Heimatmarken. Die Geschichte der jüngsten Marke, Berliner Pilsner, ist zweifellos eine kleine Erfolgsstory. Zu Ostzeiten war die Marke äußerst populär, ist nach der Wende allerdings zum Konsumbier herabgestuft worden. Wir gelangten mehr und mehr zur Erkenntnis, dass in der Marke beträchtliches Potenzial stecke und entschieden uns letztlich zu einem kompletten Relaunch: vom hochwertigen modernen Erscheinungsbild bis zur Neupositionierung am Markt. Ein mutiger und risikofreudiger Schritt, für den wir Gott sei Dank bestens belohnt wurden.
Zugegeben – wir haben auch eine große Portion Glück gehabt. Aber der Erfolg war vor allem dem außerordentlichen Engagement der Mitarbeiter in allen Unternehmensbereichen zu verdanken.
Aus der Konsumbiermarke Berliner Pilsner entwickelte sich in den wenigen Jahren die Metropolenmarke „made in Berlin“, und die angeschlagene Brauerei selbst schrieb schließlich – gestützt auch durch andere Maßnahmen – wieder tiefschwarze Zahlen. Wenn wir uns heute in Berlin die Präsenz der Marke in bester Gastronomie und Hotellerie anschauen, dann macht uns das alle schon ein bisschen stolz.
2004 übernahm die Oetker/Radeberger-Gruppe die kränkelnde Brau und Brunnen AG. Eine der ersten unternehmerischen Entscheidungen in Berlin war die Zusammenlegung von Schultheiss und Kindl – Standort Berlin-Lichtenberg. Sicher keine Liebeshochzeit – eine Vernunftehe?
Die Kindl-Brauerei und die Schultheiss-Brauerei waren über Jahrzehnte, ja über Generationen härteste Wettbewerber. In einem schwierigen Markt und in einem sich weiter rasant verändernden Wettbewerb war die Zusammenlegung der beiden Braustätten – unter dem Dach der Radeberger-Gruppe – sehr sinnvoll. Auf lange Sicht hätten beide allein kaum Überlebenschancen gehabt. So ist auch sichergestellt, dass alle drei Berliner Marken nach eigenen Rezepturen am Standort weiter gebraut werden und in ihrer Heimat fest verwurzelt bleiben. Wir haben nunmehr in Berlin und Brandenburg, besonders auch unter Berücksichtigung der nationalen Marken der Radeberger-Gruppe (Jever, Radeberger und Schöfferhofer), herausragende Marktbedeutung und für unsere Partner in Handel und Gastronomie ein höchst attraktives Marken und Service-Angebot. Die Zusammenführung der beiden Braustätten ist sicher zunächst eine ökonomische Vernunftehe. Ich beobachte aber mit Freude, wie die beiden Mannschaften immer enger zusammenwachsen und sich immer mehr zu einem Leistungsteam entwickeln.
Was wird an der Indira-Gandhi- Straße alles gebraut?
In bewährter Qualität und nach jeweiligen Originalrezepturen werden in traditioneller Herstellung Berliner Kindl, Berliner Pilsner und Schultheiss gebraut. Hinzu kommen die jeweiligen Spezialitäten. Für Berliner Kindl heißt das: Kindl Jubiläums Pilsener, Kindl Pils, Kindl Weisse, Classic und Mix-Weisse, Kindl-Bockbiere und – als jüngste Markentöchter – Kindl Export und Kindl Radler. Für Schultheiss: Schultheiss Pilsener, Schultheiss Lager Schwarz und Schultheiss Diät. Berliner Pilsner wird als Solitärmarke geführt. Insgesamt beläuft sich das Ausstoßvolumen auf ca. 1,7 Mio. Hektoliter.
Die Biere Ihres Hauses findet man bei vielen Veranstaltungen in der Region.
Selbstverständlich. Wir legen großen Wert darauf, dass unsere Marken bei den wichtigen und interessanten Veranstaltungen in der Stadt im Ausschank und präsent sind: Zum Beispiel Schultheiss beim 6-Tage-Rennen, Berliner Kindl auf der Silvester-Party am Brandenburger Tor und Berliner Pilsner
beim Gauklerfest.
Was ist in diesem Sommer das Trendgetränk aus dem Hause Kindl-Schultheiss?
Der Klassiker unter den Sommergetränken unserer Brauerei ist die Berliner Weisse, klassisch oder als fertig gemixte Weisse. Jüngste Kreation ist das bereits erwähnte Kindl Radler, das in diesem Sommer an den Start gegangen ist.
Wann schmeckt Ihnen ein Bier am besten? Und wie trinken Sie es am liebsten?
Bier ist der beste Longdrink aller Zeiten. Es schmeckt vorzüglich, ist bekömmlich und – in Maßen genossen – ausgesprochen gesundheitsfördernd. Ich selbst bin passionierter Pilstrinker. Mir schmeckt Bier am besten in Gesellschaft. Wenn es dann noch frisch und wohltemperiert ist, ist der Genuss vollendet.
Und was trinken Sie dann?
Ich bin, wie gesagt, ein Freund des Bieres Pilsner Brauart. Die von uns hergestellten Pilsbiere haben jeweils eigenen geschmacklichen Charakter und sind ohne Ausnahme von exzellenter Qualität. Wo der Wirt sich mit der Pflege unserer Biere große Mühe gibt, kehre ich besonders gern ein. bm