„Für die Zukunft arbeiten, die Vergangenheit nicht Vergessen“
- Berlins Bezirke und ihre israelischen Partnerstädte
Von Gerald Backhaus
Fotos Detmar Grammel
Steglitz-Zehlendorf & Kiryat Bialik, Sderot und Kibbuz Bror Chail
Nach der Internationalen Konferenz in Jerusalem anlässlich des 60. Geburtstages des Staates Israel werden Steglitz-Zehlendorfer im März nach Kiryat Bialik und Bror Chail fahren. Aus ihrer Partnerstadt Kiryat Bialik hatten sie 2007 eine Jugendgruppe zu Gast, die im Rahmen der Steglitzer Woche mit Tanzvorführungen auftrat. Im Zusammenhang mit dem Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen hatte der Zehlendorfer Städtepartnerschaftsverein 2002 eine Jugendgruppe aus dem Kibbuz Bror Chail bei Sderot nach Berlin eingeladen. Für 2008 ist eine Jugendgruppe aus Sderot eingeladen. Die Künstlerin Orna Orian aus Bror Chail hat im Kunstamt Schwartzsche Villa im Herbst 2007 ihre Ausstellung „Erinnerungen“, Installationen und Collagen, gezeigt.
Seit 1965 gibt es die Kontakte zwischen dem ehemaligen Bezirk Steglitz und Kiryat Bialik. 1968 fuhr der Steglitzer Bezirksbürgermeister zusammen mit dem Vorsitzenden der Berliner Jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski, nach Israel. In den Folgejahren gab es viele Begegnungen von Schulklassen, Senioren, Verwaltungsangestellten und Künstlern.
Kirya bedeutet „kleine Stadt“ und Bialik ist der Name eines israelischen Nationaldichters, der im Jahr der Stadtgründung 1934 starb. Die Stadt hat etwa 40.000 Einwohner und liegt im Norden Israels, in der Nähe von Haifa. Sie wurde 1934 von deutschen Einwanderern gegründet und hat seit 1976 Stadtrecht. Ziel war es, eine Gartenstadt zu bauen, die Einwanderer aus aller Welt aufnimmt. Menschen aus insgesamt 65 Ländern kamen, zuletzt aus Russland, Äthiopien und Argentinien.
Sderot liegt im südlichen Israel am Rande der Negev-Wüste nahe der Mittelmeerküste. Der Ort entstand 1951, als sich 80 Familien aus dem Iran und Kurdistan im Einwanderungslager Gevrim Dorot niederließen. Durch den Zuzug von Einwanderern, insbesondere aus den Staaten der früheren Sowjetunion, hat sich die Einwohnerzahl in den letzten Jahren auf etwa 25.000 mehr als verdoppelt. Dadurch erhielt Sderot vor einigen Jahren die Stadtrechte. Unweit der Stadt liegt das Sapir College.
In die Freundschaft zwischen Zehlendorf und Sderot, die seit 1975 besteht und bei der es sich um einen der ersten offiziellen Partnerschaftsverträge zwischen einer israelischen und einer deutschen Gemeinde handelt, wurde auch der zehn Kilometer entfernte Kibbuz Bror Chail einbezogen, in dem zum Großteil Südamerikaner leben. 1979 ist die erste offizielle Zehlendorfer Delegation in den Kibbuz Bror Chail gereist. 1980 kamen die ersten Jugendlichen aus Bror Chail nach Berlin. Seither sind die Kontakte nie abgebrochen. Neben dem Jugendaustausch wurde der Kibbuz bei den vom Zehlendorfer Städtepartnerschaftsverein organisierten Bürgerreisen regelmäßig besucht.
Spandau & Ashdod
Ashdod liegt südlich von Tel Aviv am Mittelmeer. Die Stadt, die heute eine der größten Israels ist, wurde 1956 gegründet. Die Partnerschaft mit dem Bezirk Spandau feiert in diesem Jahr ihr vierzigjähriges Bestehen. Inmitten der menschenleeren Dünen entstand 1956 eine völlig neue Stadt, die zwei Aufgaben erfüllen sollte: die mehr und mehr ins Land strömenden Menschen aufzunehmen und – neben Haifa – Standort eines weiteren Tiefwasserhafens zu werden. Die Wellblechbaracken für die ersten zwanzig Einwandererfamilien aus Marokko sind verschwunden. An ihre Stelle sind moderne Bauten getreten, darunter Schulen, Kindergärten, Parks und Einkaufszentren. Breite Boulevards, die für den zukünftigen Verkehr ausgelegt sind, durchziehen die Stadt. Die Einwohnerzahl ist inzwischen auf über 200.000 gestiegen.
Während des Golfkrieges war nur der Spandauer Bürgermeister, Werner Salomon, der Aufforderung des damaligen israelischen Ministerpräsidenten an die Bürger meister der Partnerstädte nachgekommen, in das bedrohte Land zu reisen. Seit 1997 besteht ein regelmäßiger Schüleraustausch zwischen der 8. Schule in Ashdod und der Bertolt-Brecht-Oberschule, einer Gesamtschule in Spandau, die im November 2006 in eine Schulpartnerschaft mündete. Jährlich reist eine Gruppe nach Ashdod, und wenig später treffen sich die Jugendlichen wieder in Spandau. Das gemeinsame Erleben, Lernen, Kennenlernen ist das Ziel: „Für die Zukunft arbeiten, die Vergangenheit nicht vergessen“, lautet das Motto für den Schüleraustausch.
Im November 2006 feierte Ashdod den 50. Jahrestag der Stadtgründung. Mit dabei waren natürlich auch Spandauer. Ein Baum auf dem Gelände der 8. Schule, „von Bürgern Spandaus gepflanzt“, wie es der davor stehende Stein verkündet, erinnert mit seinen Blüten und der Schatten spendenden Krone an die Partnerschaft der beiden Städte. Davon konnten sich die Bertolt-Brecht-Oberschüler im Oktober letzten Jahres überzeugen. Für die Erwachsenen bietet der Partnerschaftsverein regelmäßig Fahrten nach Israel an, die natürlich auch den Besuch der Partnerstadt und ihrer Einrichtungen einschließen. Die letzten Reisen fanden 2005 und 2007 statt, die nächste ist für 2009 vorgesehen. Auch der Partnerschaftsverein koordiniert Aktivitäten im Bezirk Spandau mit Ashdod, so z. B. im sportlichen Bereich.
Mitte & Holon
Holon mit seinen etwa 190.000 Einwohnern gehört zu den größten Städten Israels und liegt südlich von Tel Aviv in der Metropolregion Gusch Dan. Holon wurde 1934 gegründet. Seit 1970 bestehen freundschaftliche Beziehungen, seit 1980 ein offizieller Partnerschaftsvertrag zwischen Holon und dem früheren Berliner Bezirk Wedding, die der neue Bezirk Mitte, zu dem Wedding jetzt gehört, weiterführt. Der durch die Jugendförderung organisierte Jugendaustausch ist seit vielen Jahren gelebte Städtepartnerschaft. 2004 und 2005 kamen Holoner Jugendliche nach Berlin. Besuche von Jugendeinrichtungen, ein gemeinsamer Schul-Projekttag mit dem Thema Antisemitismus sowie die Beschäftigung mit jüdischem Leben in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft standen auf dem Programm.
2006 reiste zum ersten Mal seit neun Jahren wieder eine Gruppe Jugendlicher aus dem Bezirk Mitte in die israelische Partnerstadt. Die 14 jungen Menschen im Alter von 16 bis 18 Jahren sind mehrheitlich Schüler des CharlesDarwin-Gymnasiums, die im Vorjahr jeweils einen jungen Mann oder eine junge Frau aus Holon in ihrer Familie aufgenommen hatten. Beim Gegenbesuch wohnten sie nun bei ihren Partnern in den Familien, feierten gemeinsam die jüdischen Feste Yom Kippur und Sukkot, besichtigten Jerusalem und die Gedenkstätte Yad Vashem und unter nahmen einen Ausflug in die Wüste.
Der Bürgermeister von Holon und verschiedene Delegationen besuchten wiederholt den Bezirk und Vertreter von Mitte reisten nach Israel. Holons Bürgermeister Moti Sasson nahm beispielsweise 2004 an der Umbenennung eines Teilabschnitts der Entlastungsstraße in Yitzhak-Rabin-Straße teil. Auch der Weddinger Partnerschaftsverein fördert aktiv die Freundschaft zwischen Holon und BerlinMitte.
Charlottenburg-Wilmersdorf & Or Yehuda und Karmiel
Die Städtepartnerschaft zwischen Wilmersdorf und Karmiel besteht seit 1985, die zwischen Charlottenburg und Or Yehuda seit 1966.
Or Jehuda liegt südöstlich von Tel Aviv und hat etwa 30.000 Einwohner. Den Status einer Stadt erhielt der Ort 1988.
Karmiel, der „Weingarten Gottes“, hat etwa 50.000 Einwohner. Der Bau als Entwicklungsstadt im Zusammenhang mit der Entwicklung von Zentral-Galiläa begann Anfang der sechziger Jahre. 1969 hatte die Stadt noch keine 2.000 Einwohner, 40 Prozent waren geborene Israelis, 40 Prozent Einwanderer aus Osteuropa, vor allem Rumänen, und 20 Prozent kamen aus Nordafrika und Südamerika. Im offenen Amphitheater von Karmiel, in das 25.000 Besucher passen, findet jedes Jahr im Juli ein großes Tanzfestival statt, zu dem auch die Partner in Charlottenburg-Wilmersdorf immer herzlich eingeladen werden.
Von Seiten des Bezirksamtes gab es 2006 eine Internationale Jugendbegegnung in Karmiel mit 24 Teilnehmern, 18 Israelis besuchten die Katholische Liebfrauenschule. Beide Projekte finden regelmäßig im Wechsel statt und sind auch für 2008 geplant. In diesem Jahr soll es zusätzlich einen Fachkräfteaustausch mit Karmiel geben. Besonders freut sich der Bezirk auf den Bürgermeister von Or Yehuda, David Yossef, der seinen Besuch zum PRESSEBALL BERLIN angekündigt hat. Im Herbst 2008 soll eine Kunstausstellung aus Karmiel in Charlottenburg-Wilmersdorf gezeigt werden. Im Rahmen der Feierlichkeiten zu 60 Jahren Israel ist eine weitere internationale Jugendbegegnung mit Karmiel geplant. Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen hat im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten in Israel eine Einladung nach Jerusalem erhalten, der sie gern folgen wird.
Tempelhof-Schöneberg & Naharija
Naharija ist ein Badeort am Mittelmeer, liegt nördlich von Haifa und hat etwa 50.000 Einwohner. Im Altertum bestand an der Stelle ein Hafen der Phönizier, die heutige Stadt wurde aber erst 1934 von deutschen Juden gegründet. Schon früh begannen einzelne Siedler, kleine Hotels einzurichten, um Erholungssuchende aufnehmen zu können. Lange Zeit war der Ort die einzige jüdische Siedlung in der Küstenebene nördlich von Akko. Naharija war 1948 während des Unabhängigkeitskrieges von der Außen welt abgeschnitten und konnte nur über den Seeweg versorgt werden.
Im August 2007 waren 23 Jugendliche aus den Partnerstädten Naharija und dem polnischen Koszalin eine Woche zu Gast im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Der Bezirk betreibt eine aktive Pflege seiner vielen Städtepartnerschaften. Gegenseitige Besuche fördern ein besseres Verständnis auf allen Ebenen – das ist besonders für junge Menschen wichtig, um einander kennenzulernen und internationale Freundschaften zu schließen. Die israelischen Jugendlichen gehörten der Gesangsgruppe „Amal Naharija“ an, sie traten auf einer Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung auf.
Von den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und der Hisbollah 2006 war auch Naharija betroffen. Viele Einwohner wurden verletzt oder durch die Kampfeinwirkungen traumatisiert. Es gab auch Tote. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg hat seine Solidarität bekundet und versucht, mit der Einladung von Jugendlichen nach Berlin einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Bewohner wieder in ein normales Leben zurückkehren können.
Reinickendorf & Kiryat Ata
Für 2008 hat Reinickendorf einen Jugendaustausch mit seiner Partnergemeinde Kiryat Ata geplant: Eine 40-köpfige Jugendgruppe aus Israel, bestehend aus Musikern, Tänzern und Sängern, wird im Mai zum 60. Jahrestag des Staates Israel nach Berlin kommen, um ihr Programm vorzustellen. Für die Herbstferien ist ein Gegenbesuch von Reinickendorfern geplant.
Die Partnerschaftsurkunde von Reinickendorf und Kiryat Ata wurde 1976 unterzeichnet, freundschaftliche Bande gab es bereits seit 1967. Im Reinickendorfer Rathaus befindet sich eine Gedenktafel für die von 1933 bis 1945 verfolgten und ermordeten Juden. Die Tafel wurde 1995 vom Bezirksamt in Anwesenheit von Verfolgten des Naziregimes, Bürgern, Politikern, Vertretern von Berlins Jüdischer Gemeinde und Gästen aus der Partnerstadt Kiryat Ata eingeweiht.
Neukölln & Bat Yam
Das Mittelmeerbad Bat Yam ist eine südliche Wohnvorstadt von Tel Aviv-Jaffa. Sie hatte 1995 etwa 141.000 Einwohner und ist seit 1978 Partnerstadt von Neukölln.
In den Urkunden, die dazu in Bat Yam unterzeichnet wurden, heißt es: „In dem aufrichtigen Wunsche das gegenseitige Verständnis zwischen Menschen zu fördern; in dem Willen die Verbindungen zwischen unseren beiden Völkern zu stärken und in dem festen Glauben, dass keine Anstrengung gespart werden darf, zu erziehen, zu gedenken und auf die düstere historische Vergangenheit hinzuweisen, welche die Ursache der größten Tragödie in der Geschichte des Jüdischen Volkes war, proklamieren wir, die gewählten Vertreter der beiden Gemeinden, eine Partnerschaft zwischen der Stadt Bat Yam und dem Bezirk Berlin-Neukölln. Wir erklären feierlich, dass es der Wille der Einwohner beider Städte ist, die einander achten, enge und aufrichtige Beziehungen herzustellen und gegenseitig auf den Gebieten der Kultur, der Touristik, der Jugend, der Wirtschaft und auf jedem anderen Gebiet, das von gemeinsamem Interesse ist, zu wirken, und dies auf Grund der Beziehungen, welche sich bereits während der letzten sieben Jahre zwischen unseren beiden Städten entwickelt und welche gute, segensreiche und befriedigende Resultate, Verständnis und Freundschaft gebracht haben.“
An die Partnerschaft werden die Neuköllner täglich erinnert durch den Bat Yam-Platz, an dem sich beispielsweise das Gemeinschaftshaus Gropiusstadt befindet.
Ashdod – eine moderne Stadt
Einweihung der Plakette mit den Partnerstädten Ashdods anlässlich des 50. Stadtgründungsjubiläums im November 2006
Der umschlagkräftige Hafen von Ashdod
Schüleraustausch der 8. Schule Ashdod mit der Bertolt-Brecht-Oberschule Spandau im Oktober 2007