Deutschland und Israel:
- Interview mit seiner Exzellenz, Botschafter des Staates Israel, Yoram Ben-Zeev
Von Daniel Khafif
Fotos Christof RiekenÂ
Yoram Ben-Zeev sprach anlässlich seines Amtsantritts am 12. Dezember 2007 über die 60-Jahr-Feier, die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland, die Kultur in Berlin sowie die Aufgaben und Ziele seiner Amtszeit.
Botschafter der Demokratie
Herr Botschafter, willkommen in Deutschland und alles Gute zu ihrem Amtsantritt. Hatten Sie schon Zeit, sich in Berlin einzuleben?
Herzlichen Dank! Nun, ich bin erst seit kurzem in Berlin, aber als Diplomat gehört es dazu, sich schnell auf neue Situationen einzustellen, außerdem bin ich ja nicht das erste Mal in Deutschland.
Ihr Amtsvorgänger Schimon Stein, der dieses Botschaftsgebäude 2001 eingeweiht und viele Jahre in Deutschland gearbeitet hat, sprach fließend Deutsch. Sie sprechen Englisch, Chinesisch, Arabisch und Hebräisch und beweisen damit außerordentliches Sprachtalent, sprechen aber noch kein Deutsch. Wie verständigen Sie sich jetzt in Deutschland?
Nun, ich lerne ja gerade intensiv Deutsch, immer mehr und immer weiter (spricht Deutsch), das wird auch noch besser. Ich freue mich auf diese Sprache und darauf, sie endlich zu lernen! Da viele Deutsche gut Englisch sprechen, wird es aber schon vor der Beherrschung der deutschen Sprache genügend Dialoge geben …
Sie scheinen wirklich froh zu sein, wieder eine Sprache zu lernen …
Natürlich! Lernen ist das Wichtigste im Leben, Bildung ist das höchste Gut neben der Gesundheit. Das gilt für jeden Menschen. Es hält den Geist wach und die Seele jung! Und Bildung ist überlebenswichtig für eine Gesellschaft, Sprache ist der Ausdruck ihres Geistes. Deswegen hatte ja gerade die deutsche Sprache, unmittelbar vor der schicksalsträchtigen Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, einen sehr hohen Stellenwert in der jüdischen Kultur: Nicht nur, dass das Jiddische seine Wurzeln in Mitteleuropa hat und sich der deutschen Sprache bediente. Das Deutsche galt als DIE am weitesten entwickelte Sprache zur damaligen Zeit, als logischer Ausdruck hoher Bildung und reicher Erkenntnisse in der Wissenschaft, in der Philosophie, der Literatur, Musik und Kunst. Schauen Sie auf Albert Einstein, Martin Buber, Lion Feuchtwanger, Mendelssohn und viele, viele mehr – was sprachen all diese Denker und Dichter?
Sie sind in Jerusalem geboren, ihre Muttersprache ist Hebräisch: Es wirkt ungewöhnlich, dass Sie so eine Lanze für die deutsche Sprache brechen.
Ja, aber das sind die Fakten. Wir müssen objektiv in die Geschichte schauen, um die Gegenwart zu gestalten: Meine Eltern sprachen Hebräisch, das ist richtig. Da die hebräische Sprache damals jedoch nicht nur eine alte, sondern auch eine veraltete Sprache war, wurde im ehemals britisch verwalteten Nahen Osten unter der jüdischen Bevölkerung überlegt, ob Deutsch als Wissenschaftssprache eingeführt werden solle. So weit war es bereits. Aber, und das gehört auch zur Betrachtung der Geschichte: Dann kam Hitler, dann kam der Terror in Europa! Und so ging alles einen anderen Gang. Zur objektiven Betrachtung gehört es, die dunklen wie die hellen Seiten der Medaille zu betrachten. Beides darf man nicht verdrängen!
Zur Geschichte, vor allem zur jüngeren, haben Sie mit Ihrer diplomatischen Laufbahn eine Menge beigetragen. 1993 wurden Sie während der Regierung Jitzhak Rabins zum „Koordinator für den Friedensprozess“ erkoren: Die Osloer Verträge vom September 1993 entstanden also auch unter ihrer Mitwirkung?
Ja, das war damals eine sehr vielversprechende Situation und meine Aufgabe war es, unter anderem, die Verhandlungen für einen dauerhaften Frieden erfolgreich zu führen. Leider kam es, wie Sie wissen, nach der Ermordung Jitzhak Rabins völlig anders. Schlimm!
Wie blicken Sie heute auf diese zunächst verheißungsvolle Zeit zurück?
Offen gestanden ging mir diese Phase sehr nahe: Wir haben eine Menge Hoffnung und nicht zuletzt eine Menge Energie in diese Verhandlungen gesetzt. Völlig überraschend und schlimm genug, dass Rabin Opfer eines Attentats wurde, noch dazu in unserem Lande. Für die Menschen und die aktuelle Geschichte weit schlimmer, dass Jassir Arafat damals und später mit Premier Barak keinen endgültigen Frieden schloss. Es hätte alles so positiv verlaufen können … stattdessen kamen bis heute weitere Jahre von Gewalt, Leid und Terror, die letztlich keinem etwas nützen. Und jetzt? Während wir hier sprechen, liegen israelische Dörfer unter Beschuss von Kassam-Raketen … Jeder hat ein Recht auf Existenz. Und wenn wir angegriffen werden, haben wir ein Recht auf Verteidigung.
Glauben Sie trotz der aktuellen Situation an einen baldigen Frieden im Nahen Osten?
Ich glaube auf jeden Fall an einen Frieden, die Hoffnung stirbt zuletzt. Doch wann das sein wird, kann ich bei bestem Willen nicht vorhersagen. Ich kann Ihnen aber sagen, dass es genausogut möglich ist, dass ein Frieden zwischen Palästinensern, Israelis und allen anderen Konfliktteilnehmern sehr schnell zustande kommen kann. Momentan gibt es wieder sehr gute Dialogbereitschaft zwischen den Lagern. Die Menschen sind müde. Gerade die Jungen wollen endlich in Frieden leben …
Welche Rolle kann Deutschland im Friedensprozess spielen?
Deutschland hat sich als sehr stabiler und verlässlicher Partner in der Politik erwiesen; auch, wenn Israel nicht immer derselben Meinung wie Berlin ist, herrscht im Großen und Ganzen ein ähnliches Meinungsbild. Deutschland besitzt eine starke Demokratie, eine solide Wirtschaft und eine sehr konsensorientierte Außenpolitik. Dazu kommt Deutschlands Position innerhalb der EU: In der Mitte Europas verankert, gleichermaßen nah zum Osten wie zum Westen spielt Berlin wirtschaftlich, geistig wie politisch eine wichtige Rolle!
Welche Ziele verfolgen Sie während ihrer diplomatischen Amtszeit in Deutschland?
Welche Ziele verfolgen Sie während ihrer diplomatischen Amtszeit in Deutschland?
Den Austausch zwischen beiden Staaten auf allen Ebenen intensivieren! Es freut mich, wenn ich die Feierlichkeiten beobachte, die zu Ehren unseres Landes hier in Deutschland stattfinden werden. Doch wir dürfen uns – auf beiden Seiten – nicht mit dem Austausch von freundlichen Gesten begnügen, sondern sollten auf dieser Basis aufbauen: Ich sehe hier neben der politischen und gesellschaftlichen Kooperation Bedarf beim wissenschaftlichen Transfer, bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und vor allem im Jugendaustausch, sowohl beim Sport als auch in der Bildung. Noch mal: Bildung ist das wichtigste geistige Gut. Nur aufgrund von Bildung sind wir z. B. in Israel in der Lage, auf hartem Wüstenboden genügend Nahrung für eine wachsende Bevölkerung anzubauen. Nur aufgrund von Bildung haben Jugendliche eine Chance. Nicht zuletzt trägt gerade der Jugendaustausch sehr zum Zusammenwachsen der Herzen der Menschen bei.
Eine aktuelle Umfrage, die im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung durchgeführt wurde, besagt, dass 50 Prozent der Deutschen heute glauben, dass ihr Land wieder eine Weltmacht sei … zugleich werden in unserem Lande bei Überfällen rechtsextremer Schläger immer wieder Menschen anderen Glaubens, anderer Hautfarbe oder Neigung brutal misshandelt, von den immer wieder auftretenden Schmähungen jüdischer Symbole oder Friedhöfe ganz zu schweigen. Glauben Sie, dass die von Ihnen angesprochene neue Rolle Deutschlands in der Welt die Gefahr eines wachsenden Nationalismus in sich birgt?
Eine wirklich interessante Studie, ja! Das sind viele einzelne Parameter … Zunächst mal: Eine Vielzahl von starken Nationen ist mit sich im Reinen, ohne dass deshalb Gewalt produziert wird. Negativ ist, noch einmal, mangelnde Allgemeinbildung, mangelnde Erziehung, mangelndes Wertegefüge: Hier keimt Nationalismus wie ein Gift. Da müssen wir gegensteuern. Ich sprach gestern mit Bundespräsident Horst Köhler über die jüngsten rechtsextremen Gewalttaten: Herr Köhler meinte, „Egal wieviel, ein rechtsextremer Übergriff ist bereits einer zu viel!“ Diese Meinung teile ich, denn es geht hier nicht um Masse und Schwere der Tat, sondern um die dunklen Motive dahinter.
Zurück zu Berlin: Letzten Sommer feierten wir das 40-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Los Angeles. Zu diesem Anlass reiste Tom LaBonge, Councilmember der City of Los Angeles und Bürgermeister des 4. Districts mit Hollywood und Beverly Hills, nach Berlin. Sie haben lange Zeit als Generalkonsul für die Southwestern Union State in Los Angeles gearbeitet und besitzen eine große Nähe zu Hollywoods Filmindustrie. Welche Parallelen sehen Sie zwischen beiden Städten?
Oh, da gibt es eine Menge Parallelen. Einwanderung, Offenheit, Kreativität … Ich denke, die Affinität zum Kino lässt sich in beiden Städten kaum ignorieren, denn sie ist jahrzehntelang gewachsen. Hollywoods Aufstieg in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts ist nicht zuletzt den Emigranten aus dem kulturellen Leben geschuldet, die vor Zensur und Verfolgung der Nazis flohen: Ich denke z. B. an Billy Wilder, Ernst Lubitsch, Heinrich Mann und viele mehr … Deutsche und Juden, bald Amerikaner, oft Berliner, vor allem aber großartige, geistvolle Menschen, die einem Weltpublikum unvergessliche Augenblicke bescherten. Dieser Spirit weht bis heute durch die Filmstudios: Ich erinnere an die Villa Aurora Feuchtwangers, die stets zu einem Austausch von deutschen und amerikanischen Filmschaffenden führt. Ich denke an die vielen deutschen Filmschaffenden, Hans Zimmer oder Wolfgang Petersen, die aktuell zu den Größen in Hollywood zählen. Ich denke aber auch an Stars wie Steven Spielberg, die sich wiederum sehr an Europa orientieren und europäische Geschichte in ihr Werk einbauen. Nun ist nicht nur die Verleihung der Oscars, sondern auch die Berlinale einer der wichtigsten jährlichen Höhepunkte der Filmwelt geworden … deutlicher kann die filmische Verwandtschaft zwischen Berlin und Los Angeles kaum zu Tage treten.
Ihr Grußwort zum Presseball Berlin?
Es ist ein Grußwort an die Deutschen generell und an mein neues Zuhause Berlin: Ich freue mich auf Ihr Land. Ich freue mich, Ihnen mein Land näher zu bringen. Ich freue mich auf das Leben und die Kultur, den Dialog mit der jüdischen Gemeinschaft, und bin sehr gespannt auf die Berliner Festspiele wie auf die gesamte kommende Zeit, die hier in Berlin zu Frieden und Verständigung beitragen wird.
Herr Botschafter, herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für Ihre Arbeit in Berlin!
Kurzbiographie Yoram Ben-Zeev:
Yoram Ben-Zeev wurde am 20. Juli 1944 in Israel geboren und schloss vor seinem Eintritt in den Dienst des israelischen Außenministeriums (MFA) sein Studium an der Hebrew University Jerusalem in Internationalen Beziehungen, Nahost-Wissenschaften und Politologie ab.
Während seiner diplomatischen Karriere war er in Hong Kong, Los Angeles und Washington stationiert, war Berater des Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin und Delegationsmitglied bei den Vorgesprächen zur Prinzipienerklärung (1993) und Camp David (2000). Zuletzt war er Senior Director General for North America im MFA, bevor er nun sein Amt als Botschafter des Staates Israel in Deutschland antritt.


