Das Sapir College in Shaar HaNegev
- Lernen unter ständiger Gefahr: Der Pioniergeist in der Wüste trotzt der Bedrohung aus nächster Nähe
Von Gerald Backhaus
Fotos Sapir College
Seit Sommer 2005 bedroht täglicher Kassam-Raketenbeschuss das Sapir College, die Stadt Sderot und die umliegenden Gemeinden und Kibbuzim. Im selben Zeitraum sind allein um den Campus der Hochschule mehr als einhundert palästinensische Raketen aus dem benachbarten Gaza-Streifen eingeschlagen. Das berichtet Compass, der Infodienst für christlich-jüdische und deutsch-israelische Tagesthemen im Internet. Unter diesem Sicherheitsrisiko und täglichem Alarm leidet das ganze Leben in der Region: Lernen und Arbeiten gestalten sich schwierig, die Investitionen von Unternehmen nehmen ab, es wachsen Arbeitslosigkeit und Armut. Viele Menschen sind traumatisiert.
Der deutsche Austauschstudent Eckard Sussenburger von der Fachhochschule Trier kam 2006/2007 für ein Austauschsemester an das Sapir College, das sich etwa eine Autostunde südlich von Tel Aviv am Rand der Negev-Wüste befindet. Untergebracht war er in einem nahe gelegenen Kibbuz. Er ließ sich durch die Situation, in der sich die israelische Partnerhochschule befindet, nicht einschüchtern: „Meine Freunde zu Hause hatten sicher mehr Angst um mich als ich selbst. Man hat in Sderot außer den Alarmen nicht das Gefühl, im permanenten Ausnahmezustand zu leben.“
Über siebentausend Männer und Frauen studieren heute am 1975 gegründeten Sapir College. Es liegt nahe Sderot, einem Städtchen von etwa 20.000 Einwohnern im Süden des Landes am Tor zum Negev, der südlichen Wüstenregion Israels. Seit der Gründung des Staates Israel will man hier den zionistischen Traum verwirklichen. Ziel ist es, die Wüste zu besiedeln, zu bepflanzen und zu bewirtschaften und sie so zu einem Ort der Zukunft zu machen. Ein wichtiger Teil des zionistischen Ideals ist es, allen Menschen Zugang zur Bildung zu ermöglichen. Mit „allen“ sind beispielsweise auch Menschen gemeint, die im Kibbuz leben, Juden aus der früheren Sowjetunion, aus Afrika, Europa und Amerika, israelische Araber, Christen, Drusen und Beduinen, aber auch Studenten aus Nachbarstaaten und der ganzen Welt.
Ein Traum wurde wahr
In Shaar Hanegev ist der Traum David Ben Gurions, die Wüste zum Blühen zu bringen, verwirklicht worden, denn in dieser unwirtlichen Grenzgegend ist in kurzer Zeit rund um das College ein für die Gesellschaft wichtiges Bildungs- und Kulturzentrum entstanden. Das Sapir College ist auch der größte Arbeitgeber der Region. Auf dem Campus sind Bauarbeiter aus Ramallah beschäftigt und werden akzeptiert, in der Bibliothek sitzen verschleierte Beduinen-Frauen neben orthodoxen Juden und Neueinwanderern aus Russland, Marokko und Südafrika, beschreibt Professorin Ruth Eitan den Alltag. Es ist ein Leuchtturm im Negev, das Sapir College, das eine einzigartige zukunftsträchtige Stütze und Brücke für die israelische Gesellschaft darstellt. Neben seinem psychologischen Beratungszentrum für Traumapatienten bietet es einige interessante Studienfächer und Projekte an.
Ein Beispiel ist die Abteilung für Film- und Fernsehkunst, an der im letzten Jahr die ersten jungen Regisseure, Kameraleute, Drehbuchautoren und Filmtechniker nach dreijähriger Ausbildung ihr Studium beendet haben. Der Standort der Schule im Süden Israels, an der Nordgrenze des Gaza-Streifen, ist eine Region, in der Juden nordafrikanischer Herkunft, Beduinen, russische und mittelasiatische Immigranten und Palästinenser in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander leben. Diese Vielfalt ist jedoch vom kulturellen Leben des Landes weitgehend isoliert. Das will die „School of Film and Television“ ändern, indem sie die Kunst und die Künstler aus den Metropolen in die von Entwicklungsstädten und Kibbuzim dominierte Peripherie bringt. Das Film- und Fernsehinstitut will eine Brücke schlagen zwischen den verschiedenen israelischen Gemeinden und den Palästinensern in Gaza und einen Beitrag leisten, um die regionalen Kulturen zu unterstützen. Die Absolventen produzieren aus ihrem sehr eigenen Blickwinkel Filme und Medienbeiträge über diese besonderen Facetten Israels, wie sie sonst nicht zu sehen wären. Übersetzt werden sie ins Arabische, Amharische und Russische. Sie nehmen an internationalen Filmfestspielen teil.
Symbol für den Pioniergeist
Praktisch zeitgleich mit der „School of Film and Television“ am Sapir College und in enger Zusammenarbeit mit ihm wurde in Sderot die „Kinemathek des Südens“ gegründet. Geplant war außerdem die Einrichtung einer Medienschule in Gaza, mit der eine enge Kooperation angestrebt wurde. Mit Beginn der 2. Intifada im Herbst 2000 wurde dieses Projekt jedoch abgebrochen. Ein besonderer Schwerpunkt in der Ausbildung am Filminstitut des Sapir Colleges ist der künstlerisch-soziale Aspekt. Die Studenten setzen sich auseinander mit dem so genannten „Cinema South“ – mit Filmen zum Beispiel aus Lateinamerika und Afrika, mit dem „Exilfilm“, aber auch mit unabhängigen Produktionen aus Israel. Das Land hat zwei Hochschulen, die eine dreijährige Filmausbildung mit akademischem Abschluss anbieten: die Universität von Tel Aviv und das Sapir College in Shaar HaNegev.
Neben den Studiengängen an der Sektion für Film und Fernsehen versammelt die „Sderot Conference for Social Change“ am Sapir College jedes Jahr führende Autoren, Philosophen, Politologen, Politiker, Wissenschaftler und Wirtschaftsexperten, die sich mit dem gesellschaftlichen Wandel beschäftigen. Ihr Ziel ist es, gegen die zunehmende Armut und Benachteiligung der Bevölkerung besonders in dieser Region vorzugehen. Ein Zentrum für Friedensforschung ist an der Hochschule in Planung.
Das Sapir College stellt ein Symbol dar für den Pioniergeist der Gründer des Staates Israel. Die Hochschule steht für Bildung, Freiheit und Menschenrechte, für Gleichberechtigung, Integration und Verständigung, für Forschung, Kultur und Philosophie. Und das trotz der Tatsache, dass aus dem Gazastreifen seit 2001 über 4.600 Kassam-Raketen auf diese Region geschossen wurden. Das College zu unterstützen, das bedeutet, Israels Gesellschaft nachhaltig und zukunftsweisend und damit die ganze Region Shaar HaNegev und den Nahen Osten positiv zu beeinflussen.


