Deutschlands klügste Köpfe
- Von Gunnar Schupelius
Foto Oliver Wia
Ein Gespräch mit Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner, Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung
Herr Professor Zöllner, Sie werben für Berlin als herausragenden Wissenschaftsstandort …
Ja, und ich bin auch Mitglied im Board der großen Hauptstadt-Werber.
Welche Botschaft überbringen Sie denn von dort?
Prof. Dr. E. Jürgen ZöllnerIn Zeiten großer gesellschaftlicher Veränderungen sucht Berlin neue Wege und ist mit seinen Anlagen wie Mut, Freiheit, Kreativität, aber auch Selbstkritik, einer der spannendsten und zugleich perspektivreichsten Orte auf dieser Welt. Diesen Weg nach außen deutlich zu machen, ist nicht nur für Berlin gut, sondern auch für Deutschland insgesamt und darüber hinaus. Denn indem Berlin seinen Weg in dieser spannenden Zeit findet, wird es auch neue Wege für andere öffnen. Für die Wissenschaft heißt das konkret: Berlin ist der Wissenschaftsstandort in Deutschland schlechthin. Allenfalls die Münchner Region ist eventuell noch mit Berlin vergleichbar.
Was zeichnet die Berliner Wissenschaft denn so besonders aus?
Die außeruniversitäre Forschung. In Berlin lehren, forschen und arbeiten mehr als 50.000 kluge Köpfe nicht nur an den vier Universitäten der Stadt, den sieben Fachhochschulen, drei Kunsthochschulen und mehreren privaten Hochschulen, sondern auch an mehr als 70 außeruniversitären Forschungseinrichtungen.
Welche sind die besten unter diesen 70?
Hervorheben möchte ich vor allem die Helmholtzgemeinschaft Deutscher Forschungszentren, die Max-Planck-Gesellschaft und die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz. An diesen Instituten entstehen entscheidende Innovationen für Wirtschaft und Gesellschaft. Wichtig ist auch, dass Berlin einer der größten Fraunhofer-Standorte in Deutschland ist. Nicht nur die sechs auf Zukunftsfeldern tätigen Institute, sondern auch wichtige Schnittstellen zwischen Industrie und Politik wie die neue Vorstandsrepräsentanz und das eGovernment-Zentrum sowie die Büros der Fraunhofer IuK-Gruppe und des Mikroelektronikverbundes stärken die Erkennbarkeit der hier geballten Forschungskompetenz weit über die Landesgrenzen hinaus.
Führt diese geballte Forschungskompetenz denn auch zu Patent-Anmeldungen?
Ja, mehr als elf Prozent der Patentanmeldungen der Wissenschaft in Deutschland kommen aus Berlin.
Und Sie fördern diese Wissenschaft mit öffentlichen Mitteln?
Ja, natürlich. Und nicht zu knapp. Insgesamt fließen jährlich rund 1,8 Milliarden Euro öffentlicher Fördermittel in die Berliner Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen. Berlin wird in den nächsten Jahren zu einer der führenden Wissenschaftsregionen ausgebaut. Dazu haben Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und ich in diesem Jahr einen Masterplan vorgestellt, der vorsieht, dass Berlin seine Studienplatzkapazität deutlich ausbaut und eine Offensive für die Spitzenforschung startet. Dafür stehen in dieser Legislaturperiode mehr als 300 Millionen Euro zusätzlich zu Verfügung.
Wie viele neue Studienplätze wollen Sie denn schaffen?
Bis zum Jahr 2011 insgesamt 1.000 Studienanfängerplätze, das wären dann 20.500 insgesamt. Gleichzeitig wird mit erheblichem Engagement die Qualität der Lehre an den Hochschulen verbessert.
Und diese ganze Förderung ist der Grund, weshalb sich, wie Sie sagen, so viele kluge Köpfe in der Berliner Wissenschaft versammeln?
Sicherlich auch. Die renommierten Wissenschaftler kommen aber vor allem deshalb hierher, weil Berlin einen sehr guten Ruf hat. In jeder Fachrichtung weiß man, dass man hier hervorragende Kollegen finden wird, sei es in der eigenen Universität, in einer anderen oder in außeruniversitären Instituten.
Was hat Berlin seinen Wissenschaftlern denn außerdem noch zu bieten?
Berlin verfügt über eine kreative Atmosphäre. Hier kommt man auf gute Ideen. Diese brodelnde Unruhe kann man mit Händen greifen. Die rastlose Mentalität der Berliner, die in den Herausforderungen der Stadt begründet ist, trägt sehr zur Kreativität bei. Hinzu kommt die reichhaltige Kulturlandschaft hier, die Kreative und Wissenschaftler wie ein Magnet anzieht.
Sie meinen mit Wissenschaftlern vor allem Naturwissenschaftler?
Nicht nur. Berlins Stärke liegt auch in seinen Geistesund Gesellschaftswissenschaften, durch die wir hier über ein sehr reichhaltiges Know-how verfügen. Das darf man auf gar keinen Fall unterschätzen. In den USA erwirtschaften die Kreativen, die häufig aus den Geisteswissenschaften kommen, bereits 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.
Welche Bedeutung kommt denn den geistes- und sozialwissenschaftlichen Einrichtungen zu?
Sie setzen entscheidende Impulse für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zum Beispiel das Wissenschaftskolleg, das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung oder auch die Hertie School of Governance.
Konkret: Welche Bedeutung kann Geisteswissenschaftlern zukommen?
Die Vermittlung von kulturellen Hintergründen aus dem ostasiatischen Raum ist heute von großer Bedeutung und kann nur von den Geisteswissenschaften geleistet werden. Das Gleiche gilt für Osteuropa. Berlin verfügt aber, das möchte ich hier betonen, auch über die besten deutschen Institute für Bildungswissenschaften, zum Beispiel das Max-Planck-Institut.
Und wenn Sie noch mehr Leuchttürme der Berliner Wissenschaftslandschaft nennen sollten?
Dann würde ich über Biotechnologie reden, über Mathematik von den Grundlagen bis zur Anwendung und die physikalische Grundlagenforschung. Ich würde die Universitätsklinik Charité benennen, die im Bereich Neurophysiologie eine Spitzenstellung in Deutschland einnimmt. Und ich würde neben dem Biomedizinischen Campus in Buch den Wissenschaftspark Adlershof hervorheben. Adlershof ist heute einer der 15 größten Technologieparks der Welt. Hier arbeiten universitäre und außeruniversitäre Forschung mit 350 Unternehmen zusammen. Die Institute haben sich zur Initiativgemeinschaft Außeruniversitärer Forschungseinrichtungen in Adlershof (IGAFA) zusammengeschlossen.
Es gab Gerüchte um den Fortbestand der drei Berliner Universitäten Freie Universität, Humboldt-Universität und Technische Universität. Wird langfristig eine dieser drei schließen müssen?
Nein, Berlin wird alle drei Universitäten behalten. Wir werden uns allerdings im Rahmen der Spitzenförderung, die wir vorantreiben wollen, Gedanken darüber machen, wie wir ein gemeinsames Dach für die Excellenzen-Bereiche der Universitäten finden können, ohne dass die Säulen, die darunter stehen werden, verschwinden. Wie wir Bereiche, die zusammenpassen, zusammenführen, damit sie auch nach außen international gemeinsam sichtbar und identifizierbar werden. Dann werden sich noch mehr Spezialisten aus Asien oder Amerika angezogen fühlen und nach Berlin kommen.
Vor 100 Jahren lag Berlin wissenschaftlich an der Weltspitze. Glauben Sie, dass sich ein solcher Erfolg wieder einstellen könnte?
Nun, wir arbeiten daran. Step by step. Berlins Wissenschaft wird mit Namen wie Humboldt, Virchow, Koch und Sauerbruch, Planck, Einstein, Meitner und Zuse verbunden. Diese Tradition verpflichtet uns. Und wir sind stolz darauf, dass Berlin heute wieder zu den größten und dichtesten Wissenschaftsstandorten in Europa zählt.