Schnäppchenjäger und Trendbewusste
- Von Andreas Kurtz
Fotos Henry Herrmann
Jetzt also auch Roland Emmerich (1)! Der Starregisseur mit Villen in L.A. und London, der seit „Independence Day“ zu den erfolgreichsten der Zunft zählt, sucht eine Wohnung in Berlin. Seit er 2004 eine persönliche Führung des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit durch das Berliner Nachtleben bekam, reiste er immer wieder in die Stadt, um die so lange vermisste europäische Kultur tief einzuatmen. „Mitte November suche ich mir hier eine Wohnung. Berliner Freunde werden mir dabei helfen.“ Ihn zieht es wohl in keine von Berlins Villengegenden. Emmerich tendiert eher zu einem netten Penthouse in Prenzlauer Berg oder Mitte.

Womit er sich in guter Gesellschaft befindet. Ballett-Weltstar Vladimir Malakhov (2, links), der Intendant des Staatsballetts Berlin, kaufte eine Wohnung in dem „Oxford Residenz“ genannten Bau im Stil eines Londoner Stadthauses an der Jägerstraße. Unter seinen Wohnungsnachbarn ist der Finanzvorstand einer milliardenschweren russischen Firma.
Sir Peter Torry, bis Ende September Botschafter von Großbritannien in Deutschland, wurde dort am Tag des Richtfestes bei der Besichtigung der letzten noch nicht verkauften Wohnung gesehen. Sie war ihm schließlich mit ihren 125 Quadratmetern zu klein. Was aber nichts an Sir Peters prinzipiellem Interesse an Immobilien in der deutschen Hauptstadt änderte: „Die Preise in Berlin sind sehr interessant.“
Natürlich ist es auch in Berlin zunächst mal eine Frage der finanziellen Möglichkeiten, in welcher Wohngegend und auf welchem Ausstattungsniveau man als Mieter oder Käufer landet. Mark Medlock (3), bis zu seinem Gewinn der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ Hartz-IV-Empfänger in entsprechend bescheidenen Wohnverhältnissen, bezog nach seinem Sieg ein modern möbliertes 150-Quadratmeter-Appartement in Berlin-Mitte. Dort empfing er sogleich ein großes (und mit seinem Mentor Dieter Bohlen eng verbandeltes) Boulevardblatt zur Homestory. Und zog kurz darauf um. Nun bewohnt Medlock eine 75-Quadratmeter-Wohnung in Charlottenburg. Die kann er sich auch dann noch leisten, wenn es längst den nächsten „Superstar“-Gewinner gibt und nach ihm kein Hahn mehr kräht.

Medlock hat sich die Frage zweimal gestellt, vor der viele Berlin-Zuzügler stehen: Prenzlauer Berg/Mitte oder Charlottenburg/Wilmersdorf? Regisseur Helmut Dietl (4) („Kir Royal“) musste nach Mitte. Schließlich recherchiert er gerade für einen Film über die Berliner Gesellschaft und speist deshalb quasi beruflich jeden Tag in In-Lokalen wie Borchardt (zwölf Schlenderminuten von seiner Wohnung entfernt) und San Nicci (drei Minuten nah). Sängerin Ludmilla Diakowska (5), besser bekannt als Lucy von den No Angels, hat sich nach Jahren in Hotels eine Wohnung in Mitte genommen. Und genießt es, dass so viele ihrer Freunde schon da sind: „Man kann sich ganz spontan und kurzfristig nach dem Joggen in einem Café verabreden.“ Auch schon da: Starfotograf Mario Testino (Villa im Fischerinsel-Kiez mit Spreeblick, einem Ballsaal im venezianischen Stil und 3.000 Quadratmetern Wohnfläche), Sängerin Vicky Leandros (6) (elegante Wohnung in der nicht ganz so eleganten Torstraße in Mitte), Moderatorin Arabella Kiesbauer (7)
(3-Zimmer-Zweitwohnung in einem Altbau in Prenzlauer Berg) und Schauspielerin Katja Flint (Dachgeschoss in Mitte).
Als Komiker Hape Kerkeling (8) („Horst Schlemmer“) keine Lust mehr darauf hatte, bei seinen häufigen Berlinbesuchen in unpersönlichen Hotelzimmern zu übernachten, nahm er sich eine Wohnung in Wilmersdorf. Im Dreieck zwischen Hohenzollerndamm, Brandenburgischer Straße und Uhlandstraße, einer gut bürgerlichen Wohngegend, in der er sich die Baseballmütze nicht ganz so tief ins Gesicht ziehen muss, damit ihn niemand anspricht (Der Hackesche Markt mit seinen vielen Schulklassen auf Berlin-Besuch wäre für ihn der tägliche Spießrutenlauf). Spätestens seit der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit 2004 an den Kurfürstendamm gezogen ist, gilt der wieder als angesagte Wohngegend. Unter den Charlottenburg/Wilmersdorfer Nachbarn: Schauspieler Claus-Theo Gärtner (9) („Ein Fall für Zwei“) und Sängerin Helen Schneider (10).

Natürlich gibt es auch prominente Neu-Berliner, die sich den großen Herdenbewegungen entziehen. Für Modedesigner Michael Michalsky (11) (das ist der, der Adidas wieder hip gemacht hat) musste es eine Villa mit Schwimmhalle in Dahlem sein. Claus Peymann (12), seit 1999 Intendant des Berliner Ensembles, lebte zunächst in der feineren Nordost-Berliner Wohngegend Pankow, um schließlich in das wasserreiche und südöstliche Köpenick umzuziehen.
Im Bezirk Kreuzberg, früher der Prenzlauer Berg West-Berlins, haben sich die Schauspieler Til Schweiger (13) („Der Eisbär“) und Thomas Kretschmann („King Kong“) Lofts gekauft. Sänger Joe Jackson (das ist der mit dem Hit „Steppin’ Out“) lebt hier ebenfalls. Der zieht aber vielleicht bald nach Moskau, wenn man in Deutschland nicht mehr in Restaurants rauchen darf.

Den Prenzlauer Berg hat sein Ruf als angesagte Gegend stark verändert. Die Nachfrage nach gut ausgestatteten Wohnungen hat dafür gesorgt, dass ganze Wohnquartiere hochwertig rekonstruiert und teurer wurden. Junge Künstler und Studenten, deren Anwesenheit als Indikator dafür gilt, ob eine Gegend wirklich angesagt ist, können sich das nicht mehr leisten. Sie ziehen nach Friedrichshain weiter. In ihrem Gefolge: solvente Trendspürnasen wie die Musiker der Band Die Fantastischen Vier, die in den Prenzlauer Gärten am Volkspark Friedrichshain eine Wohnung gekauft haben. Und auch René Gurka, als Chef von Berlin-Partner der nach dem Regierenden Bürgermeister zweitwichtigste Berlin-Werber, ist in Friedrichshain gelandet. Und hat die Straßen um den Boxhagener Platz inzwischen als gute Latte-Macchiato-Gegend kennen gelernt.
Brad Pitt und Angelina Jolie, da müssen wir jetzt alle ganz tapfer sein, kommen wohl nie für länger als nur auf der Durchreise nach Berlin. Aber mit jedem ihrer Kurzaufenthalte werden sie auch künftig Immobilienmakler erfreuen, die dann wieder eines ihrer schwer vermittelbaren Objekte gerüchtehalber ins Gespräch bringen können.