„Meine Stadt ist und bleibt immer Berlin…“
- Von Bernd Philipp
Fotos Oliver Wia
Bekanntlich zieht es den Täter immer wieder an den Tatort zurück. Im Fall von Hugo Egon Balder ist es das Berliner Schiller-Theater, das bis zu seiner Schließung 1993 zu den führenden deutschen Bühnen zählte. Hier hat er von 1973 an „als richtiger Schauspieler“, wie die Zeitungen gern schreiben, sieben Jahre lang gewirkt. Gehörte zum Ensemble von Martin Held, Bernhard Minetti, Stefan Wigger, Carl Raddatz, Curt Bois und Bertha Drews, Mutter von „Schimanski“ Götz George. Balder: „Ich habe sie wirklich alle geliebt, die Großen des Schauspiels.“ Erstes Monatshonorar: 850 Mark.

Ins große Bühnenleben hatte ihn die legendäre Schauspiellehrerin Else Bongers geworfen, die er beim Vorsprechen dadurch verblüffte, dass er einen sehr ernsten Text als heiterer Fridolin vortrug und dem Stück ein völlig neues Gesicht gab. Eigentlich hätte man ihn feuern müssen, aber die Bongers, bei der schon Romy Schneider und Horst Buchholz lernten, befand: „Du bleibst. Du wirst Komiker!“
Von seiner Einstellung her ist er das noch heute, aber damals nahm er doch einen ganz anderen Weg. Er wurde zum „Busenmann der Nation“. Mit der Oben-ohne-Show „Tutti Frutti“ startete RTL das private Fernsehen in Deutschland, und ihr erster Star war Hugo Egon Balder, um den herum sich ein unglaublicher Medienhype entwickelte. Die BILD machte ihn zum „Herr der Möpse“, an den Stammtischen war er nur noch „Tittenhugo“. Es folgte die verlogenste Entrüstungskampagne Deutschlands. Alles regte sich über die „Früchtchen“, die ihren blanken Busen zeigten, auf – aber jeder sah diese Sendung, die angeblich keiner sehen wollte. Sogar das Bischöfliche Ordinariat Regensburg beschäftigte sich mit dieser Form des Sittenverfalls und forderte die Absetzung der Sendung. Dies alles geschah 1990. Es war das Jahr der deutschen Einheit.
Zum Gespräch mit den BERLINER Zugpferden hat Balder ein Treffen am Schiller-Theater vorgeschlagen. „Ich bin durch meinen Berliner Arbeitgeber SAT.1 sehr oft in Berlin, und jedes Mal führt mich mein Weg hierher, und wenn es auch nur ein paar Minuten sind. Es ist für mich ein Stück Vergangenheit. Es ist mein Berlin.“
Hier ist er 1950 als Egon Balder im Stadtteil Friedenau geboren. Hugo ist eigentlich sein zweiter Vorname. Den erhielt er nach einem jüdischen Freund seines katholischen Vaters, Hugo Garfunkel. Die Plattenfirma Polydor, bei der er so bahnbrechende Titel wie „Elvira, hol dein Strumpfband ab“ und „Zwei Buletten und eine Gitarre“ herausbrachte, fand den Namen Hugo Egon verkaufsträchtiger als Egon Hugo (Balder: „Wir haben dadurch garantiert nicht eine einzige Platte mehr verkauft“) – und seitdem geht er halt als Hugo Egon durchs turbulente Leben.
Nach seiner „Tutti Frutti“-Zeit, die ihn durch hartleibige Fans von früher auch gelegentlich heute noch einholt, dachten viele, er sei völlig weg vom Fenster. Tatsächlich war er nur für die Öffentlichkeit abgetaucht, genervt vom Image als Busen-Balder. In dieser Zeit werkelte er im Hintergrund an einer Karriere als TV-Produzent der legendären RTL-Samstagnacht-Show, in der er bekannten Leuten wie Wigald Boning, Esther Schweins, Olli Dittrich und vielen anderen zu einer eigenen Karriere verhalf. „RTL Samstag Nacht“ wurde zur deutschen Comedy-Wiege, und Balders Konzept war in doppelter Hinsicht aufgegangen: „Das hat Spaß gemacht, außerdem war ich aus den Schlagzeilen raus, brauchte mich nicht mehr zu rasieren, konnte rumlaufen, wie ich wollte, und hab auch noch einen Preis nach dem anderen bekommen.“
Wir sitzen jetzt im „Ristorante Il Cardinale“ im Charlottenburger Nobelkiez Westend. Hier hat er vor zwei Jahren viele Stunden zugebracht, um mit einem Zeitungsmann an seiner im Aufbau Verlag erschienenen Biographie „Ich habe mich gewarnt“ zu arbeiten.
Balder erzählt von seiner Kindheit. „Mein Vater war Textilhändler, ein Hallodri im Nadelstreifen, der nichts anbrennen ließ. Immer nahezu penetrant gut drauf. Hinterließ uns ein paar gute Ratschläge und eine Menge Schulden. Er starb mit 65 nach seinem vierten Herzinfarkt. Dabei war er der Empfehlung seines Arztes gefolgt, hatte nur noch eine halbe Flasche Weinbrand statt wie zuvor eine ganze getrunken und seinen Zigarettenkonsum von 100 auf 80 runtergefahren. Und doch kam es, wie es kommen musste. Plötzlich und unerwartet riss ihm der Tod den Cognacschwenker aus der Hand.“
Typisch Balder, der als nicht sehr sentimental gilt und schon mal den Wunsch geäußert hat, auf seinem eigenen Grabstein möge stehen: „Entschuldigen Sie bitte, dass ich liegen bleibe“.

Klingt alles sehr locker. „Der Kasper ist ganz ernst“, titelte mal die ZEIT, die ihm eine ganze Seite widmete. Darin – wie dann später auch in seiner Biographie – entdeckte man einen ganz anderen, stillen, gründenden Balder. Er erzählt, wie er nach dem Tod seiner Mutter ihre Wohnung auflöste und auf ein Schmuckkästchen stieß. Darin war der Judenstern der Mutter, die das KZ Theresienstadt nach quälend langer Zeit zusammen mit Hugo Egons Halbbruder überlebte. Die Mutter hatte ein Lebensmotto, das er auch für sich übernahm: „Lach über die Dinge, dann hältst du sie aus …“
Heute lebt Balder, im jüdischen Glauben erzogen, mit seiner vierten Ehefrau, einer Türkin, und seinen beiden kleinen Kindern in Köln. „Köln ist nun mal Comedy-Hochburg, aber meine Stadt ist und bleibt immer Berlin. Hier bin ich zur Schule gegangen, habe Abitur gemacht, war Mitbegründer der ersten deutschen Rockband namens Birth Control, die später europaweit Erfolge hatte, begann meinen Weg als Schauspieler, lernte die Liebe und den Quatsch, was nicht selten auch identisch war.“
Sein großer Quotenhit bei SAT.1 ist „Genial daneben“ – ein Format, das er jahrelang wie Sauerbier anderen Sendern angeboten hatte. Bis Matthias Alberti, heute Geschäftsführer von SAT.1 und damals Unterhaltungs-Chef, das Potenzial der Sendung erkannte und Balder unter Vertrag nahm. Der Titel „Genial daneben“ stammt übrigens von Cornelia Scheel. Sie ist die Lebensgefährtin von Balders schriller Langzeitfreundin Hella von Sinnen. In der Sendung gehen beide immer sehr spitz miteinander um. Balder: „Im wahren Leben sind wir dicke Freunde, vor allem Hella …“
Ein Magazin schrieb über den Berliner, dessen Eltern übrigens mit der Familie von Hans Rosenthal befreundet waren: „Der Mann ist wie Thomas Crown – einfach nicht zu fassen.“ Gemeint ist, dass Balder ein Sich-immer-wieder-neu-Erfinder ist. Wann immer man ihn in eine Schublade stecken will, ist er längst ausgebüxt und macht was Neues.
„Stellen Sie sich vor“, sagt er, „nach über 30 Jahren werde ich wieder Theater spielen, und zwar in Düsseldorf. Eine Komödie, die für mich geschrieben wurde. Ich spiele in einer Doppelrolle mich und meinen eigenen Zwillingsbruder. Das Stück spielt Heiligabend und kann folglich nur eine schöne Bescherung werden …“
Und Berlin? „Das wäre das Größte. Es gibt schon lange Angebote. Aber wegen ,Genial daneben‘ kann ich hier nicht so lange en suite spielen. Doch wer weiß: Eines Tages vielleicht …“