Archiv der Ausgabe Frühjahr/Sommer 2006
Editorial Liebe Leserinnen und Leser,

Hans-Peter Wodarz, Guido Herrmann und Holger Klotzbach (v. l. n. r.)
weltberühmte Museen, drei Opernhäuser, Konzerte, Theater, Shows, Literatur, Film, Ausstellungen, dazu eine experimentierfreudige freie Szene und vor allem: Entertainment vom Feinsten – Berlin ist Deutschlands Kulturhauptstadt mit dem Veranstaltungskalender einer Weltmetropole. Als Trio im Kultur- und Entertainmentbereich entwickelten wir, Hans-Peter Wodarz („Belle et Fou – Das Spiel mit der Lust“), Guido Herrmann (Friedrichstadtpalast) sowie Holger Klotzbach (Bar jeder Vernunft und TIPI – Zelt am Kanzleramt), mit Enthusiasmus das Projekt „BERLINER Zugpferde“. Die Berliner Theater vereint die leidenschaftliche Begeisterung für die Stadt. Mit Ideen, Ausdauer und Energie wollen wir Sie für die einzigartige Kulturlandschaft der Hauptstadt begeistern. Das Magazin „BERLINER Zugpferde“ soll Lust auf Berlin machen. Stars und Shows, Klassiker und Neues, Außergewöhnliches und Partys, Festivals und Ausstellungen – das alles wartet darauf, von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, entdeckt zu werden. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine nimmermüde Entdeckerlust in Berlin und freuen uns auf Ihren Besuch!
Ihre BERLINER Zugpferde
Archiv der Ausgabe Frühjahr/Sommer 2006
- Thomas Leif im Gespräch mit Franz Josef Wagner
Sie argumentieren ziemlich rational, beobachten, analysieren die Fakten. Ihre Texte sind aber sehr subjektiv, sehr persönlich, teilweise auch sehr hart. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?
Franz Josef Wagner (* 7. August 1943 in Olmütz)
Seit Januar 2001 ist Wagner Chefkolumnist bei Springer – eine Position, die eigens für ihn geschaffen wurde. Dabei ist er zuständig für die Kolumne „Post von Wagner“ bei BILD. Er präsentiert sich als „Anwalt der kleinen Leute“. Seine oft blumige Sprache und wilden Argumentationssprünge haben Wagner unter anderem den Spitznamen „Gossen-Goethe“ eingebracht. Er gilt als Erfinder des „Romans auf 15 Zeilen“. Wagner erhielt für seine Kolumne 2002 den vom Bauer-Verlag verliehenen Journalisten-Preis „Goldene Feder“ in der Kategorie „Print“.
Fotos: NDR/SWR – Sylvia Chybiak
Ich schreibe über das Ergebnis meines Fühlens. Ob das hart oder weich ist, kann ich vorher nicht sagen.
Um zwei Uhr beginnt Ihre Arbeit?
Na ja, um zwei Uhr nachmittags muss ich die Themen konzentrieren und den Blick auf drei, vier Dinge richten. Heute ist die Entführung, die Regierungserklärung. Dann vielleicht noch mal dieser Gammelfleischskandal, der mich immer mehr aufregt, wie wir betrogen, beschissen werden, wie sie uns aufs Kreuz legen. (weiterlesen…)
Archiv der Ausgabe Frühjahr/Sommer 2006
- Ein Kiez-Rundgang mit Hans-Christian Ströbele
Wenn man jemanden in der Oranienstraße oder am Boxhagener Platz fragen würde, wo er denn wohne, käme niemand, aber auch wirklich niemand auf den Gedanken zu sagen, in Friedrichshain-Kreuzberg. Entweder man ist Kreuzberger oder Friedrichshainer. Basta. Das wäre ja noch schöner! Wer sind wir denn, uns einer Verwaltungsreform zu unterwerfen? Und wenn schon, dann wenigstens mit Protest! Wo man doch gerade in diesen beiden Berliner Bezirken so gerne protestiert, demonstriert und sich schon aus Prinzip gegen die Staatsmacht auflehnt.

„Wer ohne Berührungsängste herkommt, findet hier die offenste und alternativste Szene ganz Berlins. Man hat gar nicht so viel Freizeit, wie man sie hier verleben will.“
Fotos: Stefan Turowski, Dietmar F. Koenig
Hans-Christian Ströbele hat es dennoch geschafft, dieses ungleiche gleiche Paar zu vereinen. Wenn auch nur in den Wahllokalen. 43 Prozent haben den Grünen direkt in den Bundestag gewählt. Und das, obwohl dieser Wahlbezirk 2002 einzig und allein aus dem Grund zusammengefasst wurde, die Grünen fern und klein zu halten, wie Ströbele heute nicht ohne Stolz und Häme sagt.
43 Prozent! Fast schon bayerische Verhältnisse! „Aber auch nur fast“, gibt Ströbele sofort spitzbübisch zurück, „ansonsten ist hier alles anders.“ So anders und sturköpfig wie er selber. Vielleicht gehört Ströbele auch deswegen mittlerweile zum Kiez wie der Kotti oder die Oberbaum-Brücke, die einzige Verbindung zwischen beiden Bezirken. Wochenlang gehörte er mit seinen vom Künstler Gerhard Seyfried gezeichneten Wahlplakaten zum normalen Straßenbild. Die Mühe, diese alle wieder abzuhängen, konnte er sich sparen. Viele wurden einfach geklaut und zieren seitdem die Wände zahlreicher WG-Küchen. „Besonders bei vielen jungen Leuten bin ich schon fast Kult.“ Dabei hat der 66-jährige (weiterlesen…)
Archiv der Ausgabe Frühjahr/Sommer 2006
Niemand traut sich, einen Restaurantkritiker nach Imbissen zu fragen. Die vermeintlichen und echten Niederungen der Küchenkultur werden so gut wie nie eingehender gewürdigt, wo doch gerade die Sofortbeköstigung den Vorteil bietet, bei der Zubereitung anwesend zu sein und dem Koch während des Essens gegenüber zu stehen. Tatsächlich kann sich auch der Kritiker dem spontanen Hunger nicht verweigern, zumal der Duft von gebratenem Fleisch, Hefeteig und geschmolzenem Käse gewissermaßen urtümliche Instinkte weckt. Sie geben seiner Arbeit eine alltägliche Basis.

Fotos: derdehmel
Der Alltag des Berliners ist am ehesten noch durch die Currywurst geprägt. Allerdings droht diese warme Speise zum kalten Krieg, die ihre Entstehung den amerikanischen Befreiern verdankt, mit dem Verschwinden des historischen Antagonismus unterzugehen. In diesem Zusammenhang ist es bezeichnend, dass die wahre Currywurst nur noch in einer Baracke im Ostteil der Stadt gepflegt wird. Bei Konnopke (1) wird der Mythos der klassenlosen Gesellschaft mit einer darmlosen Wurst am Leben erhalten, die ihre Würze aus einem hausgemachten Ketchup bezieht. Das Volk – der Souverän – hat hier im Schatten der Hochbahn entschieden, welche die (weiterlesen…)
Archiv der Ausgabe Frühjahr/Sommer 2006
Eigentlich darf ich nicht mehr über Berlin schreiben. Oft genug wurde ich von meinen hiesigen Freunden angewiesen, keine Werbung für diese Stadt zu machen. Letztens, als ich in einer Fernsehsendung in der Schweiz von unserem Russendisko-Club in Berlin erzählte, wurde der Geschäftsführer panisch. „Jetzt kommen die Schweizer! Jetzt kommen auch noch die Schweizer in unsere Russendisko“, fasste er sich an den Kopf. Er beschuldigte die Schweizer, sie würden eine Stunde brauchen, um ein kleines Bier zu konsumieren – und wenn es um Trinkgeld ginge, dann machten sie einen auf toten Käfer. Am liebsten würde der Geschäftsführer alleine in seinem Laden sitzen und Fußball gucken. Er ist eben ein typischer Berliner und will in Ruhe gelassen werden.

Im letzten Sommer landeten unsere Tanzveranstaltungen in verschiedenen Hauptstadt-Reiseführern, in denen sie als „ein Ort zum Flirten und Kennenlernen – mit Frauenüberschuss“ bezeichnet wurden. Busweise kamen männliche Touristen aus der ganzen Welt an. Bestellten eine Cola für zwei – und warteten auf den Frauenüberschuss. Sie wollten jemanden kennen lernen. Wir lachten natürlich darüber. Nachts kann man bei uns nur jemanden unterm Tisch kennen lernen, aber nur, wenn man an der richtigen Stelle umfällt, und selbst dann wird man nie erfahren, wie die Person hieß und wie sie in Wirklichkeit aussah, wegen der lauten Musik und der mangelnden Beleuchtung. Man will doch eigentlich seine neuen Freunde im Tageslicht erleben. Aber tagsüber ist unser Club geschlossen. Mehr darf ich nicht über unsere Russendisko schreiben, also zurück zu Berlin.
Es fällt mir schwer, über diese Stadt etwas Neues zu sagen, (weiterlesen…)