Jut jezwitschert – Berlins Kneipenklassiker
- Von Bernd Philipp
Fotos Dirk Dehmel
Jeder Berliner liebt seinen Kiez. Und jeder Kiez hat zumindest eine typische Kiezkneipe.
Im Charlottenburger „magischen Dreieck“ gelegen: „Paris Bar“In Schöneberg ist es ohne Frage der „Felsenkeller“ in der Akazienstraße, eine urige Trinkstätte mit einem wunderbar holzgetäfelten Gastraum und vielen maritimen Details. Nostalgisch muten auch die alten Bügelflaschen und die Kisten mit „Groterjan Weiße“ an, die die Berliner früher etwas sehr keck als „Champagne du Nord“ bezeichneten. Im „Felsenkeller“ schrieb der Brite Jeffrey Eugenides fünf Jahre lang an seinen Roman „Middlesex“ – und bekam dafür 2003 den Pulitzer-Preis. Als Schock empfanden die Stammgäste (unter ihnen auch Max Raabe, Markus Lüpertz und Daniel Brühl) die Nachricht, dass die Kneipe dicht machen würde – der Pachtvertrag lief aus, und ein Interessent aus New York hatte sich bereits für das Interieur aus der Jahrhundertwende interessiert. Umso erleichterter war man, als es dann vor wenigen Monaten Entwarnung gab, nachdem der Hauseigentümer einen akzeptablen Vertrag angeboten hatte. Nun hat, zumindest für die nächsten zehn Jahre, die liebe Bierseele Ruh. Das mit der Ruhe ist übrigens auch wörtlich zu nehmen: Im „Felsenkeller“ gibt es keine Musik (aber hin und wieder klingelt natürlich ein Handy).
Wenn man einen nachhaltigen Beweis für die Überlegenheit der freien Marktwirtschaft im Westen gegenüber der Zwangs- und Regulierungswirtschaft im früheren Osten suchte – dann konnte man ihn im Bereich der Gastronomie finden. Im Osten war, was die Kneipenszene anging, vor der Wende sozusagen tote Hose. Natürlich gab es mit den „Offenbach-Stuben“ in Prenzlauer Berg eine urgemütliche Trink- und Speiserestauration, in der sich nicht nur Künstler wohl fühlten, sondern auch die Herrschaften des Ministeriums für Staatssicherheit, die, als Kneipengänger getarnt, am Nebentisch saßen und so unauffällig wirkten, dass sie jeder erkennen musste. Die „Offenbach-Stuben“ an der Stubbenkammer-/Ecke Senefelderstraße, die Günter Grass in seinem Roman „Ein weites Feld“ verewigte, existieren leider nicht mehr.
Wer sich heute im ehemaligen „Ostteil“ verwöhnen lassen und neben Prominenten wie Joschka Fischer speisen und trinken möchte, wird sich ohnehin im Weinrestaurant Rutz in der Chausseestraße 8 wohler fühlen. Das durchgestylte Etablissement, das in den großen Gastronomieführern gepriesen wird, bietet eine sorgfältig abgestimmte Aromaküche, die von Marco Müller geführt wird. Als Sommelier und sozusagen als „Gastgeber“ ist der aus dem VAU bestens bekannte Hendrik Canis aktiv. Im Angebot sind rund 1.000 (!) Weine aus dem Weinladen Schmidt. Geschäftsführer Carsten Schmidt hatte zusammen mit seinem früh verstorbenen Freund Lars Rutz im Jahr 2001 die Idee zu dem Weinrestaurant nach englischem Vorbild. Die Weine werden zum Handelpreis plus Korkengeld angeboten. Edle Weine in der Chausseestraße gegenüber dem berühmten Dorotheenstädtischen Friedhof, wo Schinkel, Schadow, Brecht begraben sind – das war vor der Wende ja undenkbar.
Überhaupt war in Mitte früher nach 22 Uhr wenig los. Die werktätige Bevölkerung sollte nicht abends die Kneipen-, sondern am nächsten Morgen die Planwirtschaft ankurbeln. Da hatten es die trinkfreudigen Klassenfeinde im imperialistischen West-Berlin schon besser. Es gab keine Sperrstunde. Noch früh um fünf konnten da zum Beispiel Künstler, Intellektuelle und Studenten über Gott (eher weniger) und die Welt (eher mehr) reden und Pläne schmieden, wie denn die verhassten Amerikaner aus Vietnam rauszukriegen wären und wie man nun endlich Springer enteignen könnte – Motto zu Zeiten der Außerparlamentarischen Revolution: „Haut dem Springer auf die Finger.“ Manch kritischer Geist stand später selbst auf den Gehalts- und Honorarlisten des Verlags, selbst Wolf Biermann.
Im Charlottenburger Kiez Kantstraße und Savignyplatz gab es (und gibt es im Grunde immer noch) das „magische Dreieck“ zwischen der „Paris Bar“, der Szene-Abfüllstation „Zwiebelfisch“ und dem Künstlerrestaurant „Diener“. Alle drei Etablissements sind bequem per Fuß zu erreichen. Einer, der sich in diesem Feuchtbiotop besonders wohl fühlte, war Harald Juhnke. Wenn er mit zunächst leichtem Champagnerfuß seine Runden zog, machte er stets nur kurz Rast. Der jeweilige Wirt stellte ihm meistens unaufgefordert einen dreistöckigen Wodka hin. Harald trank und verschwand.
Bei „Diener“ in der Grolmanstraße (die Grolmans – mit einem „n“ – waren eine preußische Offiziersfamilie!) fühlte sich Harald besonders wohl. Hier hatte er seine spätere Frau Susanne angebaggert. Hier traf sich wirklich die komplette Künstlerszene West-Berlins: Karajan, die Meysel, die „Stachelschweine“ um Kabarettstar Wolfgang Gruner, der „Pfitze“, die Knef, der große O. E. Hasse (hatte bei „Diener“ einen Tisch, der auch bei Abwesenheit immer für ihn reserviert war und an den sich kein anderer hinsetzen durfte). Benannt ist die kultige Stätte übrigens nach dem Boxer Franz Diener, gegen den Max Schmeling 1928 im Sportpalast Deutscher Meister im Schwergewicht wurde. „Maxe“ und Diener wurden später dicke Freunde, und Schmeling unterstützte seinen Kumpel finanziell und als Gast, der jede Menge Prominenz anzog. Die trifft man auch heute noch dort an. Natürlich nicht mehr so viele wie früher, gibt es doch inzwischen in der ganzen Stadt unzählige Treffpunkte für Promi & Nenz. Gelegentlich halten noch Reisebusse vor dem „Diener“, und Neugierige stecken die Köpfe rein zum Promi-Gucken.
Berliner Gastro-Urgestein: „Zwiebelfisch“Im „Zwiebelfisch“ auf der anderen Seite vom Savignyplatz war und ist das Publikum wesentlich jünger als bei „Diener“. Früher verkehrten hier die „Jungen Wilden“. Der Maler Markus Lüpertz soll mal einen Mitzecher durch die Fensterscheibe gedrückt haben. Vermutlich haben ihm seine Bilder nicht gefallen. Auch die politisch engagierten Geister hielten hier ihre Bierfahne hoch: Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl, Otto Schily, Kommunarde Rainer Langhans mit seinem Harem. Und natürlich „Bobchen“ alias Robert Biberti von den legendären „Comedian Harmonists“. Der machte ohnehin immer die Nacht zum Tag und stand „morgens“ gegen 16 Uhr auf. Spätabends sah man den hochbetagten Künstler meist in Begleitung sehr junger Frauen, denen er dann am frühen Morgen zu Hause seinen „kleinen grünen Kaktus“ zeigte.
In der traditionell überschätzten „Paris Bar“ waren die Schickimickis, die Stadtneurotiker und Jungfilmer beheimatet. Das ist heute noch so, nur dass aus den Jungfilmern inzwischen Altfilmer geworden sind. Auch noch wacker gehalten hat sich das konsequent unfreundliche Personal, vermutlich schon in der zweiten und dritten Generation. Hier muss der Besucher, wenn er nicht gerade George Clooney oder Boris Becker heißt, ganz stark sein und viel Zeit mitbringen. In der „Paris Bar“ fällt mir immer der Wiener Kritiker und Spötter Alfred Polgar ein, der einmal zu einem besonders pampigen Kellner sagte: „Herr Ober, Sie hätten Gast werden sollen …“
Eine Ikone der alternativen 68er Szene war „Das Schwarze Cafe” in der Kantstraße. Heute fühlen sich auch die inzwischen ebenfalls schon leicht angegrauten Kinder der Revoluzzer von einst hier wohl. Das klassische Etablissement hat rund um die Uhr geöffnet, und wer nachmittags um 17 Uhr frühstücken möchte, wird bestens bedient. Das finden besonders junge Berlin-Gäste aus der Provinz, wo abends um zehn die Bürgersteige hochgeklappt werden, besonders reizvoll. Echte Nachtschwärmer betreten die kleine Bar mit dem gewöhnungsbedürftigen Namen „Kumpelnest 3000“ in der Lützowstraße im Tiergarten erst um Mitternacht und verlassen es nur selten vor Sonnenaufgang. Eine Nacht dort ist eine Orgie des schlechten Geschmacks – überall schreckliche Plüschtapeten, die blind machen, und alte Schlager, die aufs Ohr und auf die Nerven gehen. Wer hier als Hetero reingeht, hat gute Chancen, als Schwuler oder Lesbe wieder rauszugehen. Absolut schräg, und manchmal bitten latexgehüllte Transen zum Sirtaki. Ist eben ein richtiges Kumpelnest.
Eine Berliner Institution ist das „Leydicke“ in der Schöneberger Mansteinstraße. In der mehr als 100 Jahre alten Destille hat man früher vorwiegend Obstweine verabreicht, die die Wirkung so genannter „Bretterknaller“ hatten. Auch „Schlüpferstürmer“ nannte man früher die Weine, die direkt in die Birne gingen. Viele Mädchen aus Wessi-Land, die auf Klassenfahrt waren, hatten hier ihren ersten Vollrausch. Aber auch die 68-er schütteten sich zu und genossen die hausgemachten Schnäpse. Alte Berliner Kneipenseligkeit – noch heute eine begehrte Anlaufstation (nicht nur) zum Volllaufen.
Die „Henne“ am Leuschnerdamm in KreuzbergNatürlich müssen wir auch die „Henne“ am Leuschnerdamm in Kreuzberg erwähnen. Im alten Berliner Wirtshaus ist seit Jahrzehnten das Milchmasthähnchen der absolute Renner, obwohl halbe Hähnchen nur schwer rennen können. Am Tresen hängt ein handsigniertes Bild von John F. Kennedy, der bei seinem legendären Berlin-Besuch 1963 („Ich bin ein Berliner!“) vom Kneipenwirt zu einer „Weißen mit Schuss“ eingeladen wurde. Und so wurde aus Kennedy – Hennedy!
Wenn so gut wie alles getan ist und doch der letzte Impuls für ein erstes gemeinsames Nachtlager noch fehlt – dann kann ein „Night-Cup“ in der Cocktailbar „Rum Trader“ (Fasanenstraße) dafür sorgen, dass alles gut wird. Das Etablissement nennt sich ironischheiter auch „Institut für gehobenes Trinken“. Die diversen Rum- und Gin-Kreationen waren schon für viele Paare eine Entscheidungshilfe …